Bildung:Die Hüterin der Pisa-Studie

Kristina Reiss, TU-Professorin, die bei der Pisa-Studie in Deutschland die Fäden in der Hand hält. Marsstraße 20-22

Die Münchner Mathematikerin Kristina Reiss wird die Ergebnisse der Pisa-Studie zusammen mit Bildungsministerin Anja Karliczek vorstellen.

(Foto: Florian Peljak)
  • Anfang kommender Woche wird die neue Pisa-Studie vorgestellt.
  • Ausgewertet wird sie von Kristina Reiss, sie ist Professorin und Dekanin der School of Education an der Technischen Universität.
  • In der aktuellen Studie geht es um die Lesekompetenz, die sich in den vergangenen Jahren stark verändert hat.

Von Sabine Buchwald

Wie schlau sind Deutschlands Schüler? Und wie gut sind ihre Leistungen im Vergleich zu Gleichaltrigen in anderen Ländern? Alle drei Jahre versucht die internationale Pisa-Studie, die Fähigkeiten von Schülern zu erfassen und die Ergebnisse zwischen den teilnehmenden Ländern zu vergleichen. Die Resultate der neuesten Studie werden am 3. Dezember in Berlin präsentiert. Doch die Fäden laufen nicht in der Hauptstadt zusammen - sondern in München. Kristina Reiss ist Professorin an der Technischen Universität (TU) und weiß heute schon, wie die deutschen Teilnehmer abgeschnitten haben, nur verraten darf sie es noch nicht.

Reiss ist Dekanin der School of Education an der TU. Unter ihrer Leitung entstand der Bericht, den sie neben Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) kommenden Dienstag in Berlin auf der Bundespressekonferenz vorstellen wird. Ihr war wichtig, dass der Bericht auch für Laien verständlich ist. Er richte sich nicht allein an Wissenschaftler, betont sie.

Reiss arbeitet seit dem Gründungsjahr 2009 an der TUM School of Education, die in einem funktionellen Neubau an der Marsstraße zu finden ist. Es ist die erste Fakultät für Lehrerbildung und Bildungsforschung in Deutschland. Dass die Fäden für die Pisa-Studie hier zusammenlaufen, fußt auf einer Entscheidung des Bundes und der Länder. Der Kieler Erziehungswissenschaftler Manfred Prenzel, der Vorgänger von Reiss, hatte diese Aufgabe für die neue Münchner Fakultät eingeworben. Zuvor war das Thema am Frankfurter DIPF, dem Leibniz-Institut für Bildungsforschung, sowie am Leibniz-Institut für Pädagogik der Universität Kiel angesiedelt.

Wenige Tage vor der Präsentation der Studie wirkt Reiss erstaunlich entspannt. Ob das wohl an den guten Ergebnissen der deutschen Schülerinnen und Schüler liegt? Das darf sie natürlich nicht sagen, aber sie nimmt sich ausführlich Zeit für die vielen Anfragen, die derzeit bei ihrer Fakultät eingehen.

Knapp 5500 15-Jährige wurden an 220 Schulen in allen 16 Bundesländern getestet. Sie wurden repräsentativ ausgewählt quer durch alle Schultypen, in denen 15-Jährige unterrichtet werden: Förderschulen, berufliche Schulen, Mittel- und Realschulen, Gymnasien. Als eine Grundbedingung mussten sie mindestens ein Jahr in Deutschland gelebt haben. Die Teilnehmer bleiben anonym.

"Pisa wird immer wahnsinnig verkürzt auf die Rangfolge, auf den ersten, zweiten, dritten Platz"

In der aktuellen Studie geht es um die Lesekompetenz. Zuletzt wurde diese Fähigkeit 2009 untersucht. Seitdem hat sich einiges verändert: Die Welt ist digitaler geworden, der Gebrauch eines Smartphones gehört für die meisten Pubertierenden in Deutschland fast zur Selbstverständlichkeit. Jugendliche holen sich ihre Informationen vermehrt aus dem Internet. Dennoch werden sie vor allem in deutschen Schulen immer noch mit Lesetexten aus Büchern und auf Kopien konfrontiert.

Reiss kommt auf diese Lebenswirklichkeiten schnell zu sprechen: Leseverständnis bedeute heute auch, sagt sie, Informationen zu vergleichen und nach ihrer Glaubwürdigkeit zu beurteilen. Seit 2015 werden die Aufgaben der Pisa-Tests ausschließlich am Computer gestellt. Viele Aufgaben sind interaktiv. Vergleiche mit früheren Studien sind daher schwieriger zu ziehen.

Seit dem Jahr 2010, als die bisher letzte Studie zur Lesekompetenz veröffentlicht wurde, ist der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund in Deutschland erheblich gestiegen. Man müsse sich immer überlegen, unter welchen Umständen die Ergebnisse zustande kämen, sagt Reiss. "Pisa wird immer wahnsinnig verkürzt auf die Rangfolge, auf den ersten, zweiten, dritten Platz." Schulleistung bedeute doch auch, in einen Kontext mit Normen und Regeln eingebunden zu sein, in das, was eine Gesellschaft ausmacht. Man könne nicht jedes Detail vergleichen, sagt Reiss. Aber es sei doch interessant zu wissen, mit welchen Kompetenzen die 15-Jährigen im Leben stehen - in einem Alter, in dem viele bereits die Weichen stellen für ihre berufliche Zukunft.

Die Aufgaben müssen an die sprachlichen Gepflogenheiten angepasst werden

Hinter der Professorin und ihren zwölf Mitarbeitern, Doktoranden und Postdocs liegt ein langwieriger Prozess. In München ist man an der Konzeption der Aufgaben beteiligt, die in enger Abstimmung mit international besetzten Fachkomitees entworfen werden. Erste Aufgaben werden in Pilottests überprüft. Überaus wichtig ist dabei, dass sie für die insgesamt 600 000 Teilnehmer in 79 Ländern, unabhängig aus welchem Kulturkreis sie stammen, gleich gut verständlich sind. Das ist eine Herausforderung.

Allein im deutschen Sprachraum, also auch in Österreich und der Schweiz, müssen die Aufgaben an die sprachlichen Gepflogenheiten angepasst werden. Hierbei geht es vor allem um Begriffe und grammatikalische Feinheiten wie der Verwendung des Genitivs oder dem Gebrauch von unterschiedlichen Wörtern für alltägliche Dinge.

Durchgeführt wird die deutsche Studie von der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement), einer unabhängigen Forschungsorganisation in Hamburg. Dort wählt man Schulen und Schüler nach dem Zufallsprinzip aus. Die Resultate werden dort gebündelt und anonymisiert, sodass nicht mehr herausgelesen werden kann, aus welchem Bundesland sie stammen. Deshalb ist das Ergebnis repräsentativ für Deutschland und nicht für Bayern oder Bremen. Die Daten aller Länder werden zentral in den USA gesammelt, aufbereitet und dann an die jeweiligen Staaten zurück geschickt.

Im Juli lagen die ersten Ergebnisse für Pisa 2018 in München vor. Reiss und ihr Team haben sie ausgewertet und interpretiert. Schlüsse haben sie auch aus ergänzenden Fragebögen ziehen können, die Kinder, Eltern und Lehrer etwa zu Lesemotivation und dem häuslichen Umfeld beantwortet haben. Vom 3. Dezember an wird Reiss womöglich noch intensiver als sonst im Austausch mit der Politik stehen. Wie auch bei der Lehrerausbildung in ihrem Haus wird sie versuchen, das weiterzugeben, was sie über guten Unterricht weiß.

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