Mr. Europacup aus Åtvidaberg Mit Holzschuhen auf der Ersatzbank

Der Schwede Conny Torstensson gewann mit dem FC Bayern dreimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister und erlebte in München skurrile Geschichten. Später kehrte er in seine Heimat zurück, arbeitete als Waldbauer und Manager einer Speedway-Mannschaft - ganz in der Nähe von Astrid Lindgrens Geburtsort Vimmerby

Von Gerhard Fischer

Viele Profi-Fußballer bleiben nach dem Ende der Karriere in der Branche: als Trainer, als Manager, als TV-Experten. Aber manche ergreifen Berufe, die gar nichts mehr mit dem Fußball zu tun haben, sie werden Schreiner, Ärzte oder Richter. Mit ihnen befasst sich die Serie "Wie ausgewechselt".

Conny Torstensson wohnt im Wald. "Es ist nicht leicht zu finden", sagte er am Telefon. Die Adresse sei "Borghult Smedbacken", aber sie stehe nirgendwo dran; ein Straßenschild gebe es nicht. Auf jeden Fall müsse man über Åtvidaberg fahren, wenn man von Stockholm komme.

Åtvidaberg. Dort beginnt für deutsche Fußballfans die Geschichte des schwedischen Fußballers Conny Torstensson. Es war im Jahr 1973, der Charismatiker Olof Palme regierte Schweden, die Michel-aus-Lönneberga-Filme liefen erstmals im Fernsehen, und der FC Bayern München musste im Europacup gegen Åtvidabergs FF antreten; Gerd Müller sprach von einem "Aufbaugegner". Das Hinspiel gewannen die Bayern 3:1, am 3. Oktober 1973 fand das Rückspiel in Schweden statt.

Zu dieser Zeit wurden gewöhnliche Europacup-Spiele noch nicht im Fernsehen übertragen. In Deutschland verfolgte man das Spiel am Radio, an diesen Rundfunkempfängern mit den Drehknöpfen, mit denen man die Stäbe hin und her schob zwischen exotischen Orten, die zum Beispiel Hilversum hießen. Man saß also am 3. Oktober 1973 vor dem Rundfunkempfänger und hörte, dass das Stadion in diesem Åtvidaberg Kopparvallen hieß; dass dieses Stadion zwischen der Kirche und der Schule lag; dass es bloß eine Holztribüne gab; dass Bänke aufgestellt werden musten, um die 9200 Zuschauer, die das Spiel verfolgten, unterbringen zu können; dass die schwedischen Spieler Amateure waren. Und man hörte, wie Conny Torstensson und Veine Wallinder ganz schnell zwei Tore schossen.

Als Verbündeter des Kaisers in den Siebzigerjahren: Conny Torstensson (rechts) und Franz Beckenbauer bekämpfen Gladbachs Berti Vogts.

(Foto: Imago)

Man kann die Tore auf Youtube anschauen, und man sieht in diesem Ausschnitt auch den Bayern-Präsidenten Wilhelm Neudecker auf der Holztribüne sitzen. Er guckt bedeppert. In der Pause erhöhte Neudecker angeblich die Siegprämie von 3000 auf 5000 Mark. Aber kurz vor Schluss stand es sogar 3:0, Torstensson, im bürgerlichen Beruf Programmierer, hatte noch ein Tor geschossen. Die Bayern waren draußen, in diesem Moment.

Aber dann schoss Uli Hoeneß das 1:3, es ging in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen, das der FC Bayern gewann, wie immer halt. Und was machten die Bayern anschließend? Sie machten das, was sie halt immer tun, auch heute noch: Sie kauften den besten Spieler des Gegners. Kurz vor Weihnachten 1973 wechselte der Mittelfeldspieler Conny Torstensson zu den Bayern. Er gewann mit ihnen dreimal den Europacup: 1974, 1975 und 1976. In 21 Europacupspielen erzielte er zehn Tore, sie nannten ihn "Mr. Europacup".

Wenn man Conny Torstensson im Jahr 2015 in Borghult Smedbacken besuchen will, fährt man also über Åtvidaberg. Der Ort hat etwa 7000 Einwohner, immer noch eine Schule und eine Kirche - und dazu auch einen Kreisel. In diesem Kreisel befindet sich ein sehr großer Fußball. Nach vielen Jahren in der zweiten Liga spielt Åtvidabergs FF wieder in der höchsten Klasse, die Allsvenskan heißt. Von Åtvidaberg fährt man nach Gamleby und von dort nach Borghult. Oder: Erst mal an Borghult vorbei. Es war wirklich nirgendwo angeschrieben und man ist fast schon in Vimmerby, wo Astrid Lindgren geboren wurde. Also umdrehen und Anruf bei Conny Torstensson, der lacht - und dann den Besucher zu seinem Hof dirigiert.

Wenig später wartet er im Garten seines Hauses. Er ist jetzt 66 Jahre alt, grau geworden, aber immer noch schlank, und man erkennt das Gesicht des jungen Conny Torstensson, das 1973 noch geschmückt war mit den langen Haaren und den breiten Koteletten. Torstensson lacht viel, er erzählt viel und er serviert ein Elchgulasch. Es schmeckt sehr gut, er hätte Koch werden können. "Franz Beckenbauer hätte gesagt: Du wärst besser Koch geworden als Fußballer", sagt Torstensson. Er hat mit Beckenbauer zusammengespielt und er kennt den Firlefranz-Humor ganz genau.

Wie ausgewechselt

SZ-Serie Leben nach dem Fußball Folge 7

Sein Hund kommt an den Tisch. Er ist klein und heißt Messi. Ja, er ist nach Lionel Messi vom FC Barcelona benannt. Früher hatten die Torstenssons auch eine Katze. Sie hieß Zlatan, nach Zlatan Ibrahimovic, dem einzigen aktuellen Fußballer Schwedens, der weltbekannt ist. Zlatan wurde leider von einem Auto überfahren. Neben Messi wohnen in Borghult auch noch zwei Pferde, eins gehört Torstenssons Tochter, das andere hat er vom Nachbarn übernommen, weil der keine Zeit mehr hatte. Es ist ein Idyll, dieses Borghult, hinter dem Haus ist ein See, aus dem Torstensson an diesem Abend noch Krebse fischen wird. Und drumherum ist Wald. 15 Hektar gehören ihm noch. Er ist jetzt ein sehr kleiner Waldbauer.

Conny Torstensson ist vor 25 Jahren mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Borghult gezogen, der Hof gehörte früher seiner Großmutter. Anfangs besaß er 150 Hektar Wald. Das ist viel, oder? "Ja, für Deutschland!", ruft Torstensson in den Raum. "Es wäre gut, wenn ich 150 Hektar in München besessen hätte." Für Schweden, dieses weite Land, ist es nicht so üppig; Torstensson sagt, für ein Hobby sei die Bewirtschaftung von 150 Hektar zu viel, zum Leben zu wenig. Er hat sie ein paar Jahre lang bewirtschaftet, und er hatte sogar einige Angestellte. Aber dann hat er viel Wald an den Nachbarn verkauft. Er ist jetzt 66 und die beiden Töchter wollen den Wald nicht bewirtschaften. Sie leben zwar in der Nähe in Västervik, aber sie haben ihre Berufe, ihre Familien.

Conny Torstenssons Frau sitzt mit am Tisch. Die beiden sind seit 44 Jahren verheiratet, sie ist ihm nach München gefolgt und nach Zürich, wo Torstensson nach seiner Bayern-Zeit kurz gespielt hat. Vermutlich hat sie sich mehr um die Töchter gekümmert, als sie klein waren, aber sie hatte bald wieder ihr eigenes Leben, als die Familie nach Schweden zurückkehrte. Annette Torstensson ist Lehrerin und Kommunalpolitikerin für die bäuerlich-liberale Zentrumspartei; sie kümmert sich dort vor allem um Ausbildung und Erziehung. Sie ist ruhiger als der schlagfertige Conny, und wenn man die Zwischentöne ihres Mannes richtig deutet, dann ist sie die Triebfeder für das soziale Verhalten der Familie Torstensson. Sie haben in den Achtziger Jahren Kinder aus dem isolierten Berlin den Sommer über aufgenommen, einmal fuhr Annette Torstensson sogar runter und holte ein Kind mit dem Zug; das Projekt hieß Berlinhilfe. Und ein schwedisches Mädchen haben sie sogar als Pflegekind aufgenommen. Es lebt heute in Los Angeles und hat drei Kinder. Man kommuniziert via Facebook.

So sieht Conny Torstensson im September 2015 aus.

(Foto: Gerhard Fischer)

Dass Conny Torstensson Speedway-Manager wurde, hat auch mit seiner Frau zu tun; ein bisschen wenigstens. Torstensson arbeitete nach seiner Fußball-Karriere zunächst in der Verpackungsindustrie, später war er auch Betreuer, Trainer, Vorstand und Manger bei Åtvidabergs FF; aber dann, vor acht Jahren, saß Annette Torstensson mit dem Präsidenten des Speedway-Mannschaft von Västervik zufällig beim Mittagessen. "Was macht Conny eigentlich?", fragte der Präsident.

Der Motorrad-Rennsport Speedway ist in Schweden sehr populär, nicht in den großen Städten, aber in den kleinen wie Vetlanda, Norrtälje oder Eskilstuna. "An erster Stelle kommt in Schweden der Fußball, dann Eishockey und dann Speedway", sagt Conny Torstensson. Als er Manager bei Västervik war, hatten sie 3000 Zuschauer im Schnitt. Und er schaffte es, exzellente Fahrer nach Västervik zu locken. "Wir hatten vier von den sechs besten der Welt zeitweise bei uns", sagt Torstensson. Zunächst wurde Västervik Zweiter in der schwedischen Eliteserie, aber in den Jahren zwei und drei unter Torstensson ging es bergab. Die exzellenten Fahrer hatten gleichzeitig Verträge bei polnischen und englischen Teams, sie waren manchmal verletzt und häufig ausgelaugt. Die teure Mannschaft trug sich bald nicht mehr, der Präsident musste gehen, "und da bin ich gleich mitgeflogen", sagt Torstensson. Er erzählt viele Details aus dieser Zeit, spricht von der Finanzierung der Fahrer, von der aufwendigen Bewirtung der VIPs, vom Druck der Sponsoren, der Mitglieder und der Zuschauer, und er sagt schließlich: "Es war Spaß und Stress zugleich, aber man lernt aus allem im Leben."

Conny Torstensson steht auf und holt einen Blaubeerkuchen an den Tisch. "Den habe ich zum ersten Mal gebacken", sagt er. Beckenbauer würde wohl sagen: "Das schmeckt man auch." Aber das wäre ein Witz, natürlich, denn tatsächlich ist der Kuchen ausgezeichnet. Torstensson ist jetzt wieder zum Fußball zurückgekehrt, er redet von der alten Zeit bei den Bayern und von den lustigen Geschichten, die er dort erlebt hat. Etwa jene mit den Holzschuhen.

Die Bayern, bei denen damals Dettmar Cramer Trainer war, sollten ein Freundschaftsspiel gegen eine Bundeswehr-Auswahl austragen. Am Tag zuvor war Training, man spielte ein bisschen Basketball. Conny Torstensson konnte es ein wenig, viele deutsche Spieler konnten es nicht. Bernd Förster etwa, auch als Kicker ein harter Knochen, griff sich oft den Gegenspieler anstatt des Basketballes. Torstensson wehrte sich listig: Er warf den Ball gegen den Kopf von Förster und fing ihn wieder, er spielte also Doppelpass mit dem Förster-Kopf, und warf dann den Ball in den Korb.

Am nächsten Tag, vor dem Spiel gegen die Bundeswehr, fand Torstensson in seinem Koffer zwar Trikot und Hose, aber keine Fußballschuhe. Er weiß bis heute nicht, wer die Schuhe herausgenommen hat, ob Bernd Förster aus Rache oder Dettmar Cramer als Erziehungsmaßnahme. "Ich habe dann meine schwedischen Holzschuhe angezogen, mich damit warm gemacht und auf die Reservebank gesetzt." Und dann? "Ich danke Cramer heute noch, dass er mich nicht eingewechselt hat."