bedeckt München 10°

Mountainbiken:Biker und Naturschützer einigen sich auf Kompromiss im Isartal

Viele Mountainbiker wüssten gar nicht, was sie mit ihren Rädern alles kaputt machten, kritisieren Naturschützer. Ob die Sportler nun sensible Gebiete im Isartal meiden, muss sich noch erweisen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dreieinhalb Jahre wurde um eine Lösung gerungen. Nun steht das Konzept. Die Frage ist nur, ob Mountainbiker nun aufhören, wilde Parcours zu bauen.

Von Thomas Anlauf

Eigentlich müsste Naturschützer Stefan Zenz aufatmen. Am Tag zuvor hat sich ein 40-köpfiger Arbeitskreis zu einer gemeinsamen Stellungnahme durchgerungen: Das Isartal soll nun besser geschützt und Mountainbiken auf ein "naturverträgliches Maß begrenzt werden". Dreieinhalb Jahre lang hatten Umweltverbände, Behördenvertreter, aber auch Sportverbände wie die Deutsche Initiative Mountainbike (Dimb) nach einem Kompromiss gesucht, wie Naturschutz und Freizeitsport zwischen Tierpark Hellabrunn und Schäftlarn besser in Einklang zu bringen sind. Nun steht das Konzept. Doch Stefan Zenz blickt skeptisch.

Der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Baierbrunn steht am oberen Rand des steilen Isarhangs, er will etwas zeigen, nur ein paar Schritte entfernt. Auf einem steilen Pfad geht es hinab ins Isartal, die Sonne malt Kleckse auf den mit bunten Buchenblättern übersäten Waldboden. An einer Geländekante klafft ein hüfthoher Hohlgraben, fast nicht mehr begehbar. "Das ist erst in den letzten drei bis vier Jahren entstanden", sagt Zenz. Früher war das mal ein schmaler Pfad von der Isarhangkante hinunter zum Georgenstein. Doch jetzt fahren hier vor allem Mountainbiker den Hang hinab. Eine frische, etwa zehn Zentimeter breite Stollenspur ist im noch regennassen Waldboden zu sehen: von einem Fatbike, dem SUV unter den Fahrrädern, mit denen Biker sogar durch Schnee und tiefen Matsch pflügen können.

16 Hektar unberührte Natur zieht Biker an

Oder eben durch ein Naturparadies wie die Geuderleite bei Baierbrunn. Sie ist eines von 160 Naturwaldreservaten in Bayern. Bäume, die hier umstürzen, werden nicht mehr aus dem Wald geholt, ausgeholzt wird in der Geuderleite schon seit vielen Jahren nicht mehr. Die Natur wird sich hier selbst überlassen. Die als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesene Hanglandschaft mit bizarren Nagelfluhfelsen erstreckt sich über mehr als 16 Hektar, das entspricht knapp der Fläche der Binnenalster in Hamburg. Stefan Zenz führt in seiner Freizeit Schulklassen in die nahe Wildnis, er zeigt ihnen dann die mächtigen Biberbauten an der Isar und mit Glück andere seltene Tiere, die im Wald leben. "Wir haben hier auch ein Uhu-Pärchen", sagt Zenz. Ein Eichelhäher krächzt ganz in der Nähe.

Der Mann mit dem fein gestutzten Musketierbart wirkt nicht wie ein fanatischer Umweltschützer, der Grafiker vergleicht seine Arbeit beim Bund Naturschutz eher mit der eines Abteilungsleiters im Fußballverein. Der schaue ja auch danach, dass die Spielerkabinen sauber seien und die Duschen nicht kaputt. Und hier, in der Geuderleite, geht eben die Natur immer mehr kaputt, findet Stefan Zenz. Schuld seien vor allem einige Mountainbiker, die sich im Gelände austoben.

Viele wüssten gar nicht, was sie mit ihren Querfeldeinfahrten zerstören können. Und dann ist da noch etwas: Zenz stapft ein paar Meter den Isarhang hinauf und deutet auf einen Erdhügel mitten auf dem Weg, fein säuberlich aufgeschüttet und mit Holz verstärkt. Die Erde für die Rampe haben Unbekannte ein paar Meter weiter aus dem Wurzelbereich eines umgestürzten Baumes geschaufelt. Für Mountainbiker ein toller Spielplatz: Mit hohem Tempo rauschen sie den sogenannten Pionierweg hinunter, springen über den künstlichen Erdhügel und landen auf dem Waldboden, der bereits mehr einer Steilwandrinne als einem Fußweg gleicht. Die Folge: Der Boden erodiert, bei Regen bilden sich in den Rinnen Bäche und reißen die Erde ins Tal. Weiter oben am Hang ist bereits ein Teil des Weges abgerutscht. Auch dort gibt es eine Rampe.

Zenz kommt regelmäßig hier vorbei und trägt die Rampen wieder mühsam ab. Ein paar Tage später sind sie schon wieder da. "Das sind sicherlich keine Jugendlichen", glaubt der Naturschützer. Dazu gehen die Rampenbauer zu professionell vor, mit Schaufeln und womöglich Spitzhacken graben sie Löcher in den Wald, um ihre Erdhügel aufzubauen. Trotz der Zerstörungsarbeit einiger Biker im Wald hat Zenz sogar ein wenig Verständnis für Mountainbiker - solange sie sich an Regeln halten. "Man merkt schon den Druck, den die Leute in ihren Jobs haben", sagt er. Diesen Druck wollen sie nach Feierabend ablassen, mit zum Teil waghalsigen Ausritten auf ihren Mountainbikes.

Dilemma von Sportlern und Naturschützern

Die Rampen auf dem steilen Fußweg in der Geuderleite sind kein Einzelfall. Vor drei Jahren erwischte die Grünwalder Polizei drei Männer, die im sensiblen Hochwald nahe dem Kloster Schäftlarn auf 800 Metern Länge einen regelrechten Mountainbike-Parcours anlegten - mit Rampen, engen Kurven und steilen Abfahrten. Sie mussten den Parcours wieder zerstören.

Das ist das ganze Dilemma. Viele Münchner wollen in ihrer Freizeit möglichst in oder nahe der Stadt ihrem Sport nachgehen, Umweltschützer hingegen das landschaftlich einzigartige Isartal möglichst streng schützen. Nun, nach dreieinhalb Jahren Diskussionen unter Federführung des Landratsamts München und der Stadt München ist also ein Durchbruch erzielt worden. Neun Ruhezonen sollen ausgewiesen werden, als Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen. Allerdings genießt dieses insgesamt 255 Hektar große Gebiet damit immer noch keinen offiziellen Schutzstatus wie ein Naturschutzgebiet. Trotzdem soll mit Aufklärung und Informationen erreicht werden, dass die Mountainbiker diese Abschnitte künftig meiden.

Besonders wichtig ist den Naturschutzverbänden, dass die Bestände gefährdeter Arten, etwa die Schlingnatter und der Uhu, künftig nicht weiter bedroht werden. Im Gegenzug wird es voraussichtlich schon im kommenden Jahr eine insgesamt 78 Kilometer lange ausgewiesene Mountainbikestrecke geben. Davon werden 28 Kilometer auf unbefestigten Strecken im Wald und 50 Kilometer auf Forststraßen und Dammwegen verlaufen. Zusätzlich erarbeitet das Münchner Referat für Bildung und Sport derzeit auch möglichst attraktive Ausweichrouten für Mountainbiker außerhalb des Isartals.

"Ich glaube, wir haben einen guten Kompromiss gefunden", sagt Heiko Mittelstädt. Er arbeitet hauptamtlich bei der Deutschen Initiative Mountainbike und war selbst schon mehrmals bei den Gesprächsrunden in München dabei - obwohl er im Schwarzwald wohnt und arbeitet. Die Isartrails haben nun einmal für Mountainbiker eine überegionale Bedeutung, da nimmt Mittelstädt auch eine lange Anfahrt in Kauf. Er hält den jetzt erzielten Entwurf für "sehr wertvoll", auch wenn die Einschränkungen für die Mountainbiker auf Freiwilligkeit und Einsicht basieren. "Aber wenn es uns gelingt, 20 bis 30 Prozent der Mountainbiker umzulenken, ist doch schon was gewonnen", sagt selbst der Radsportler.

Naturschützer Zenz steht im lichtdurchfluteten Wald der Geuderleite und wiegt den Kopf. Er ist sich da nicht so sicher, ob das Konzept aufgeht. Natürlich, man müsse nun versuchen, den Kompromiss umzusetzen. Ein echtes Naturschutzgebiet mit Verboten wäre ihm aber lieber. Er kann nur hoffen, dass er bald nicht mehr regelmäßig zum Spaten greifen muss, um die Mountainbike-Rampen im Wald zu entfernen. Das Naturparadies bei Baierbrunn zählt immerhin künftig auch zu den Ruhezonen, die für Mountainbiker tabu sein sollen.

© SZ vom 06.10.2017/bica

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite