Kolumne: Das ist schön:Antrieb für die Gehirne

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Kolumne: Das ist schön: Farbenfrohes Leitsystem in den neuen Räumen der Stadtbibliothek im Motorama.

Farbenfrohes Leitsystem in den neuen Räumen der Stadtbibliothek im Motorama.

(Foto: Robert Haas)

Das Motorama ist alles andere als Münchens gute Stube. Jetzt gibt es in dem Siebzigerjahre-Komplex aber eine Open Library, in der man bis zehn Uhr nachts in die Welt der Bücher eingetauchen kann.

Von Susanne Hermanski, München

Die Grundidee ist sowas von Seventies: Da klotzt man am Isarhochufer, gegenüber vom Jugendstil-Traum Müller'sches Volksbad, einen 25 000-Quadratmeter-Monsterkomplex an die Ausfallstraße Richtung Rosenheim und nennt ihn Motorama, nach dessen Hauptfunktion: Autos zum Kauf feilzubieten, hinter sehr großen Schaufensterscheiben.

Das Konzept wirkte schon lang vor der heutigen Diskussion über Dieselstinker und die Fettsteiße der SUVs, die sich selbstsüchtig durchs viel zu kleine München quetschen, im wahrsten Sinne überholt. Die Autoverkäufer sind längst weggezogen unter den pragmatisch-praktisch-faden Appartment- und Arztpraxis-Kastln. Was blieb im Motorama, war auch nicht gerade Sinnbild städtischer Eleganz und Sophistikation: Billig-Muckibuden, Asia-Märkte, Einzelhandelsketten im Dutzend.

Doch seit Freitag brummt es erstmals mit Sinn und Seele im Motorama. Da stehen Knirpse mit Pudelmützen um den kleinen Roboter Pepper, der mit großen Augen und vielen Auskünften auf der Festplatte zurückblinzelt. Flotte Großväter testfläzen mit Harry-Potter-Band auf Lounge-Sesseln, und im Obergeschoss trauen Schüler ihren Kontaktlinsen nicht: Ist da wahrhaftig eine Gaming-Arena aufgebaut, in der man anderen beim Daddeln zuschauen kann (jaja, gerade nur auf Abstand)?

Die Stadtbibliothek ist eingezogen ins Motorama, im südlichen Teil, auf zwei Etagen. Noch dazu mit der wohl sympathischsten Abteilung: ihrer Kinder- und Jugendbibliothek, flankiert von einem kleineren Angebot für Erwachsene. Beschlossene Sache war das schon länger, denn die eigentliche Heimstadt vis-à-vis in der Rosenheimer Straße 5 muss bekanntlich saniert werden: der Gasteig. Die gewaltige Stadtbibliothek mit ihren 800 000 Medien ist nun also aufgeteilt. Auf dem HP8-Interimsgelände, in der Halle E, liegt ein anderer bedeutender Teil.

Dort wie hier werden die Stützpunkte als Open Library geführt. Man kann bis spät abends dort sitzen und lesen, studieren - und im Motorama eben auch spielen (vermutlich sogar Car-Race-Games). Bis 22 Uhr haben die farbenfroh und mit wenigen Mitteln dennoch cool und freundlich gestalteten Räume geöffnet. Der Architekt Clemens Bachmann und sein Team haben sie gestaltet. Dabei nahmen sie auf, was an Ort und Stelle an Farbelementen schon vorhanden war, haben diese konsequent erweitert und viel Gasteig-Einrichtung wiederverwendet.

Durch das Schaufenster, wo früher die Autos standen, blicken jetzt die Leser aus dem Zeitschriftensaal - direkt auf den Gasteig. Und bei aller Begeisterung für dieses neu eroberte Motorama bleibt doch zu hoffen, dass sie dort bald Bagger sehen. Denn ein sympathisches Interim ist gut. Ein neu erstrahlender Gasteig, der wäre noch viel schöner.

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