Er wisse nicht mehr, wie er an das Messer gekommen sei, wie oft er zugestochen habe. „Ich war wie in Trance, wie im Rausch“, sagt Emanuel R. Mehr als 70 Verletzungen der Haut mit Stichen und Schnitten protokollierten die Rechtsmediziner nach der Tat, mehr als 70 Verletzungen, mit denen Emanuel R. seine Stiefmutter „heimtückisch ermordet“ haben soll, so sieht es die Staatsanwaltschaft.
Am ersten Prozesstag vor der 11. Strafkammer am Münchner Landgericht erzählt der 25-Jährige, wie er jahrelang vergeblich versucht habe, seinen „Vater stolz zu machen“, während seine Stiefmutter mit Manipulationen und Bösartigkeiten „einen Keil zwischen mich und meinen Vater treiben wollte“.
Familie kann alles sein: Halt, Geborgenheit, Liebe. Familie kann aber auch vernichten. Unter dem kahlrasierten Schädel von Emanuel R. fallen seine kindlichen Gesichtszüge auf, seine rastlosen Augen, die im Zuschauerraum umherirren und seine seltsam mechanisch klingende Stimme.
Die Anklageschrift ist umfangreich – auch deshalb, weil die Staatsanwaltschaft den Vater-Sohn-Stiefmutter-Konflikt umfassend nachzeichnet. Der 25-Jährige selbst schildert vor Gericht, dass seine leiblichen Eltern eine langjährige Beziehung geführt hätten, ehe der Vater sich in der Schwangerschaft von der Mutter getrennt habe – um mit der besten Freundin der Mutter zusammenzukommen. Er sei dann bei seiner leiblichen Mutter aufgewachsen, die sehr freundlich und fürsorglich gewesen sei, „ein starker Kontrast zur Stiefmutter“. Bei ihr und seinem Vater verbrachte er bis zu seinem 18. Lebensjahr jedes Wochenende.
Ja, sagt er, der Vater sei enttäuscht gewesen, weil er das Abitur nicht geschafft habe. Aber im Sinne seines Vaters habe er Anlagenmechaniker gelernt, um ihm bei der Verwaltung seiner Immobilien im In- und Ausland zu helfen. Unter der Woche habe er in seinem Job gearbeitet, am Wochenende oder abends dem Vater geholfen. So wie Emanuel R. das Verhältnis darstellt, waren seine Anstrengungen nie genug. „Ich wollte nur, dass er mich liebt.“ Und er sei immer bemüht gewesen, seiner Stiefmutter keine Angriffsfläche zu bieten. Trotzdem habe sie ihn beleidigt, abgewertet und gezielt Tatsachen verdreht, um ihn in ein schlechtes Licht zu rücken. Es sei für ihn über Jahre hinweg „eine zermürbende Situation“ gewesen. Zuletzt sei man sich aus dem Weg gegangen, da sei er froh darüber gewesen.
Am Nachmittag des 8. Juni 2025, des Pfingstsonntags, allerdings eskalierte die Situation erneut. Er habe seinen Vater in dessen Wohnung an der Romanstraße besuchen wollen, habe ihm eigens seine geliebten Tortellini aus dem Urlaub mitgebracht. Die Stiefmutter, 76 Jahre, habe ihm die Türe vor der Nase zuschlagen wollen, aber er habe einen Fuß in die Türe gesetzt. Nach einem Gespräch mit seinem Vater sei die Stiefmutter unerwartet aufgetaucht, habe ihm vorgeworfen, er stelle zu hohe Rechnungen, er sei „ein Taugenichts und ein Scheiß-Depp“. Der Vater habe ihn zu gehen aufgefordert, habe sich wie immer herausgehalten. „Ich kochte förmlich, wieder bekam sie Recht.“
In der Küchentür habe ihm die Stiefmutter ein Bein gestellt, er sei gestolpert, habe sich aufgerappelt und sie gepackt, woraufhin sie ihm eine Ohrfeige verpasst habe. Dann sei er in Trance geraten. „Ich hab’ sein Gesicht gesehen“, schluchzt später der Vater im Zeugenstand. „Wie ein Monster hat er ausgeschaut, die Augen aufgerissen und der Mund... Ich werde das mein Leben lang nicht vergessen.“
Laut Anklage soll Emanuel R. seinen Vater aus der Türe geschubst, diese abgesperrt und weiter auf seine Stiefmutter eingestochen haben. Einmal sperrte er die Türe noch auf, sagte: „Vater, das wirst Du mir nie verzeihen“, ging wieder in die Küche und schloss die Türe. Der Vater wählte den Notruf, seine 76-jährige Frau erlag eine Stunde später ihren schweren Verletzungen.
Verteidigerin Birgit Schwerdt ist der Ansicht, dass ihr Mandant vermindert schuldfähig sei und zum Zeitpunkt der Tat unter einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung gelitten habe. Der Prozess dauert bis Ende Juni an.

