Femizid an Seher Ö.Bundesgerichtshof bestätigt Mord-Urteil in 26 Jahre altem Cold Case

Lesezeit: 3 Min.

Die damals 28-jährige Seher Ö. wurde im Jahr 2000 tot in ihrer Wohnung gefunden.
Die damals 28-jährige Seher Ö. wurde im Jahr 2000 tot in ihrer Wohnung gefunden.
Foto: Polizei München
  • Der Bundesgerichtshof bestätigt das lebenslange Hafturteil gegen Hayati Ö., der seine Ex-Frau Seher vor 26 Jahren ermordete.
  • Seher Ö. wurde 2000 erwürgt und der Mord als Suizid inszeniert, nachdem sie aus einer Zwangsehe geflohen war.
  • Das Gericht geht von einem Mittäter aus, der Fall ist daher noch nicht vollständig geklärt.
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Hayati Ö. hatte seine Ex-Frau umgebracht und die Tat als Suizid inszeniert. Nun lehnte das oberste deutsche Strafgericht seine Revision ab. Doch ganz abgeschlossen ist der Fall nicht – es könnte einen Mittäter geben.

Von Susi Wimmer

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Jetzt hat das oberste Gericht in Deutschland das Urteil des Landgerichts München I bestätigt: Hayati Ö. muss lebenslang in Haft, weil er seine Ehefrau Seher Ö. vor 26 Jahren heimtückisch und aus niederen Beweggründen ermordet hatte. Nach dem Münchner Urteil im Oktober 2025 hatte Hayati Ö. Revision eingelegt, diese hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe jetzt verworfen. Damit ist der Richterspruch rechtskräftig.

Es war ein spektakulärer Altfall, „einer der wichtigsten Fälle in meiner Zeit als Mordermittler“, sagt Helmut Eigner. Der mittlerweile pensionierte Kripomann hatte den Cold Case neben seinen aktuellen Ermittlungen nie aus den Augen verloren. Ehemann Hayati Ö. war bereits nach dem Tod der damals 28-Jährigen kurzzeitig verhaftet worden, musste aber wieder freigelassen werden, weil entscheidende Beweise fehlten. 23 Jahre war er auf freiem Fuß. Erst, als sich 2023 ein Zeuge an die Polizei wandte, wurde er festgenommen.

Seher Ö. muss ihr halbes Leben lang durch die Hölle gegangen sein. Wie im vergangenen Jahr im Prozess zur Sprache kam, wurde sie bereits mit 15 Jahren in der Türkei mit ihrem älteren Cousin, Hayati Ö., zwangsverheiratet. Ein Jahr später musste sie nach München ziehen, um ihrem Mann sowie seiner erzkonservativen Familie mit Vater, Mutter, Bruder und Ehefrau zu dienen. „Wie eine Dienstmagd, wie eine Sklavin“, sagte Richter Norbert Riedmann in seinem Urteil, sei die junge Frau dort gehalten worden.

Seher Ö. musste kochen, waschen, putzen, bügeln, gebar vier Kinder. Sie wurde geschlagen, gedemütigt und beleidigt, nicht nur von ihrem Ehemann. Die junge Frau durfte kein Deutsch lernen, die Wohnung nicht verlassen, den Pass hatte man ihr abgenommen. Nur zu einer Nachbarin hatte sie Kontakt. Die half ihr nach zehn leidvollen Jahren, in ein Frauenhaus zu fliehen.

Helmut Eigner hat sich auf Cold Cases spezialisiert.
Helmut Eigner hat sich auf Cold Cases spezialisiert.
Foto: Laura Pfaehler / blende11 Fotografen

Seher Ö. fand sich schnell in ihrem neuen Leben zurecht. Sie hatte eine eigene Wohnung, eine Arbeit, eine neue Liebe, das alleinige Sorgerecht für ihre vier Kinder. Doch als sie die Scheidung von ihrem Mann einreichte, wollte er das nicht akzeptieren. „Meine Ehre, die Ehre der Familie“, mit diesen Worten sei Hayati Ö. durch das Viertel gelaufen, „weil seine Untergebene ihn verlassen hatte“, erläuterte Richter Riedmann den Entschluss von Ö., seine Frau zu töten. Es sei ein Mord aus niederen Beweggründen gewesen, „niedriger geht es gar nicht mehr“.

Am Abend des 18. Februar 2000 klingelte es an der Wohnungstür von Seher Ö. Die telefonierte gerade mit ihrem Freund. „Was willst du hier?“, fragte sie, eine Männerstimme antwortete. Dann wurde das Telefonkabel aus der Wand gerissen. Noch im Flur wurde Seher Ö. erwürgt und ins Kinderzimmer geschleift. Dort wurde ihr Leichnam mit einem Strick an einen Schrank gehängt, um einen Suizid vorzutäuschen. Der Familie war die Adresse bekannt – die Oma holte ihre Enkel regelmäßig bei Seher Ö. ab.

„Jetzt seid ihr ganz allein“, sagte Hayati Ö. zu seinen Kindern

Die 2. Strafkammer am Landgericht München I listete etliche Indizien auf, die für die Schuld von Hayati Ö., 58, sprachen: Seine Mutter wusch nach dem Abend sofort seine Kleidung, sein Alibi wurde von Zeugen widerlegt. Neben der Leiche von Seher Ö. fanden sich drei Haare des Ehemannes. Der behauptete, nie in ihrer Wohnung gewesen zu sein. Auch am Körper der Frau entdeckte die Spurensicherung blaue Wollfasern seiner Kleidung.

Nach Angaben des Gerichts gestaltete sich zudem das Auffinden der Leiche von Seher Ö. verdächtig: Die Mutter von Hayati Ö. hatte am 18. Februar 2000, einem Freitag, die Kinder abgeholt, damit die das Wochenende bei der Familie verbringen sollten. Kurz darauf hatte es an der Tür von Seher Ö. geklingelt. Als es nun am Sonntag galt, die Kinder zu ihrer Mutter zu bringen, seien mehrere Verwandte mitgekommen. Nicht die Oma brachte wie üblich die Kinder nach oben, sondern eine Freundin. Eines der Kinder wollte erst gar nicht mitgehen, es hatte Angst. Auf den Ruf hin „die Mama liegt tot im Zimmer“ seien alle Erwachsenen unten stehen geblieben. „Jetzt seid ihr ganz allein“, das war das Einzige, was Hayati Ö. seinen Kindern in dem Augenblick sagte.

Hayati Ö. vor dem Landgericht im Jahr 2024.
Hayati Ö. vor dem Landgericht im Jahr 2024.
Peter Kneffel/dpa

Und: Es gab den entscheidenden Hinweis durch diesen Zeugen. Der meldete sich 2023 bei Helmut Eigner und erklärte, Hayati Ö. habe ihm die Tat gestanden. Er habe einen Landsmann und Freund nicht ins Gefängnis bringen wollen, deshalb habe er so lange Zeit geschwiegen.

Auch Hayati Ö. hatte geschwiegen. Während des Prozesses äußerte er sich nicht zu den Vorwürfen – auch nicht zu seinem Mittäter. Denn die Schwurgerichtskammer ging davon aus, dass ein zweiter Mann Seher Ö. würgte, während ihr Ehemann sie festhielt oder fesselte.

„Endgültig ist der Fall also nicht geklärt“, sagt Helmut Eigner. Das wird nun Aufgabe seiner Kollegen sein.

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