Moosach:Wie sich Demokratie lernen lässt

Der Sportplatz an der Pelkovenstraße ist in schlechtem Zustand. Bei einem Stadtteilprojekt haben junge Anwohner die Mängel dokumentiert und sich von der Kinder- und Jugendversammlung das Ja zur Verschönerung geholt

Von Katja Gerland, Moosach

Und da stehen sie, Saly Albabili, 11, und Aleen Mahmoud, 10, vor versammelter Mannschaft, und halten ihre Plakate in die Höhe. An diesem Nachmittag in der Mensa des Schulzentrums an der Gerastraße 6 sind 60 Augenpaare auf sie gerichtet. Saly nimmt all ihren Mut zusammen und beginnt die Präsentation. "Liebe Leute, heute werden wir unsere Plakate vorstellen", sagt sie mit lauter Stimme ins Mikrofon. Die bunten Plakate sprechen für sich. Bilder, Zitate und Zeichnungen zeigen, aus welchem Grund Saly und Aleen an diesem Tag zur Kinder- und Jugendversammlung gekommen sind: Sie möchten den Sportplatz an der Pelkovenstraße, Ecke Oskar-Barnack-Straße verschönern.

Moosach: Bei der Kinder- und Jugendversammlung wird über die Anträge mit bunten Zetteln abgestimmt.

Bei der Kinder- und Jugendversammlung wird über die Anträge mit bunten Zetteln abgestimmt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Denn der, das erzählen die Mädchen am Tag zuvor in ihrer Betreuungsgruppe des Moosacher Wohnquartiers "Wohnen für alle", hat eine Generalüberholung bitter nötig. Bänke fehlen auf dem gesamten Sportplatz, beim Spielen verletzen sich die Kinder auf dem harten Teerboden, und bei Dunkelheit wird ihnen die kaputte Beleuchtung zum Verhängnis. Für die Aktion "Ran an die Koffer", die in diesem Jahr im Stadtbezirk Moosach Kinder und Jugendliche zur Bürgerbeteiligung aufgerufen hat, haben sie die Mängel fotografiert, dokumentiert und auf Plakate übertragen. Sogar Unterschriften haben sie gesammelt. "Es waren 22 Leute, die unsere Idee gut fanden", erklärt Saly und zeigt auf die Liste.

Moosach: Saly Albabili und Aleen Mahmoud (von links) haben ihren Antrag auf Plakaten dargestellt.

Saly Albabili und Aleen Mahmoud (von links) haben ihren Antrag auf Plakaten dargestellt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Alles, was sie dafür gebraucht haben, birgt der Aktionskoffer, den die Kinder von der Stadt München zur Stadtteil-Erforschung erhalten haben: Kameras, Tablet, Schreibunterlagen; sogar einen Fotodrucker konnten sie nutzen. Mit der Kinder- und Jugendversammlung, in der Saly, Aleen und sieben weitere Gruppen ihre Ergebnisse mit Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung teilen, endet die Aktion. Ob die Anträge der Kinder angenommen werden, liegt jedoch nicht in der Hand der Erwachsenen. Die jungen Teilnehmer von "Ran an die Koffer" stimmen selbst über die Anliegen ab. Mit einem roten Zettel zeigen sie ihre Ablehnung, mit gelb bleiben sie auf neutralem Boden, und grün steht für ihre Zustimmung.

Moosach: Die Plakate wurden mithilfe des "Kinder-Aktions-Koffers" entworfen.

Die Plakate wurden mithilfe des "Kinder-Aktions-Koffers" entworfen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Durchweg grüne Zettel - das wünschen sich Aleen und Saly für ihren Sportplatz-Antrag. Vor der Bühne löst nun Aleen Saly ab und schildert den Gästen ihr Anliegen. "Der Zaun ist langweilig", kritisiert sie den wenig kinderfreundlichen Drahtzaun an der Anlage. Und Saly fordert: "Wir brauchen einen weicheren Boden."

Unter Applaus beenden sie ihre Präsentation, aber der Beifall kann die Anspannung bei den beiden noch nicht so ganz lösen. Schließlich haben sie gemeinsam mit den anderen aus ihrer Gruppe zweieinhalb Wochen an ihrem Projekt gearbeitet. Doch nur wenn ihr Antrag mehrheitlich grüne Zettel erhält, können sie auf einen schöneren Sportplatz hoffen. Denn dann, das erklärt Moderatorin Ute Rauscher auf der Bühne der Veranstaltung, wird den Stadtteilforschern ein Pate aus Politik oder Verwaltung zugewiesen. Mit ihm schließen die Kinder einen Vertrag ab, der sicherstellen soll, dass die Anträge Gehör finden.

So langsam gehen die Kinderarme nach oben, und was Saly und Aleen da erblicken, sieht vielversprechend aus. Nur einzelne gelbe und rote Zettel mischen sich unter die mehrheitlich grünen. Ihr Antrag wird mit 19 Ja-Stimmen, drei Enthaltungen und zwei Gegenstimmen angenommen. Als Patin möchte Stadträtin Julia Schönfeld-Knor (SPD) sich für die Verschönerung des Sportplatzes einsetzen.

Auch die anderen Teilnehmer gehen an diesem Tag mit einem Erfolg aus der Kinder- und Jugendversammlung heim. Alle Anträge - darunter auch eine Plakataktion gegen Müll an Moosacher Spielplätzen und ein Spielwald im Amphionpark - werden angenommen. Die jungen Stadtteilerforscher haben ihre Arbeit getan. Nun sind die erwachsenen Paten am Zuge.

Die Gruppe des "Wohnen für alle" könnte jedenfalls nicht zufriedener sein. "Ich bin begeistert und aufgeregt", sagt Saly. Als erstes wolle sie sich nun gemeinsam mit Julia Schönfeld-Knor für eine neue Lampe am Sportplatz einsetzen. Aleen Mahmoud stimmt ihr mit einem Nicken zu. Und was halten sie von den Kindern, die ihren Antrag mit roten Zetteln bewertet haben? Saly Albabili sieht das ganz demokratisch: "Das ist eben ihre Meinung."

© SZ vom 14.07.2021
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