Süddeutsche Zeitung

Moosach:Verschenken statt wegwerfen

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Die Diakonie betreibt in Moosach einen "Fairteiler-Kühlschrank": Wer Lebensmittel übrig hat, stellt sie rein - wer welche braucht, darf sich kostenlos bedienen. Das dient der Nachhaltigkeit und richtet sich nicht nur an Arme

Von Anita Naujokat

Manch einer sieht sich vorsichtig um - so, als könnte er gleich bei etwas ertappt werden oder weil er sich einfach geniert. Wie der ältere Mann, der jetzt schon zum dritten Mal langsam am "Fairteiler-Kühlschrank" im Gebrauchtwaren-Kaufhaus Diakonia in Moosach vorbeigeht. Ein anderer schaut schon etwas gezielter, aber offenbar ist für ihn nichts Brauchbares dabei. Die Frau aus Berg am Laim hat da weniger Berührungsängste. Resolut steuert sie gezielt auf den Kühlschrank zu, packt zwei Tüten Milch, Butter und Quark in ihren Korb, nimmt sich aus dem Regal daneben noch Zucker, Mehl, Grieß und drei Packungen Babynahrungspulver. "Ich bin Kindermädchen", erzählt sie. "Die kann ich gut brauchen." Von den anderen Sachen backe sie Käsekuchen. Nein, sie komme nicht extra wegen der kostenlosen Lebensmittel vorbei, sagt sie, nur wenn sie gerade in der Nähe sei, gehe aber gerne ins Kaufhaus, wo sie immer günstige Krimis für ihre Mutter im Altenheim finde. "Und trinke hier meinen Kaffee." Und den Grieß verarbeite sie zu Brei.

Den Grieß hat kurz zuvor Julia Seidl aus Allach in das Lebensmittelregal gestellt, dazu noch Kichererbsen. "Ich hatte davon zu viel daheim", sagt sie. Sie schlendere gerne durch den Laden und seit es den Kühlschrank und das Regal gibt, schaue sie vorher immer bei den Vorräten im Keller nach, "was ich zum Mitbringen habe". Meist seien es eher trockene, haltbare Dinge, die keiner Kühlung bedürfen. "Ich habe Kinder, da ist das Frische aus unserem Kühlschrank immer schnell weg."

Dass es seit August den Fairteiler-Kühlschrank samt Lebensmittelregal im Gebrauchtwaren-Kaufhaus an der Dachauer Straße gibt, findet die Kundin aus Berg am Laim, namentlich möchte sie nicht genannt werden, eine "tolle Sache". Beide funktionieren ähnlich wie ein Bücherschrank: Jeder kann dort etwas hineinstellen und/oder sich kostenlos etwas nehmen, nur dass es Lebensmittel sind, bei denen es höhere Einschränkungen wegen der Hygiene und auch rechtlich zu beachten gilt. So dürfe die Diakonia aus Haftungsgründen nicht selbst auffüllen. "Das darf nur von privat an privat geschehen", erläutert Halina Neteler, zuständig für die Gastronomie bei der Diakonia, die federführend den Kühlschrank betreut.

Deshalb befüllt ihn Kaspar Sebastian Bleek in seiner Freizeit. Der 42-Jährige arbeitet seit fast drei Jahren in dem Sozialkaufhaus, das zur Diakonie München und Oberbayern und dem Evangelisch-lutherischen Dekanat München gehört. Für den Termin hat er eigens seinen Urlaub unterbrochen. Als "Foodsaver" hat er über die Plattform "Foodsharing München", einer Initiative gegen Lebensmittelverschwendung, zuvor schon Essenskörbe angeboten. "Ich weiß aus der Vergangenheit, wie es ist, mit wenig Geld auskommen zu müssen", sagt er. Am 10. eines Monats habe er oft kein Geld mehr gehabt und sich über Foodsharing versorgt. Jetzt geht er den umgekehrten Weg. "Jeder sollte das Recht haben, was zu essen und Lebensmittel zu bekommen. Für mich ist das ein Teil meines Lebens geworden und es bereichert mich irgendwie", sagt er über seine Motivation. Ihm gehe es darum, dass die Lebensmittel auch die erreichten, die sie dringend benötigten.

Für Halina Neteler spielt ein ganz anderer Aspekt eine wichtige Rolle: nämlich die Nachhaltigkeit. Nicht Dinge wegzuwerfen, "die noch top sind". Und da sei es egal, ob sich Menschen bedienten, die Geld haben oder nicht. Sie wolle von dem Vorurteil wegkommen, "ah, das nutzen ja eh nur Leute, die kein Geld haben". Denn: "Das stimmt nicht." Damit werte man nicht nur Menschen ab, sondern es widerspreche auch dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Deshalb sollen alle zugreifen.

Mindestens zwei Mal am Tag kontrollieren, reinigen, desinfizieren Kaspar Sebastian Bleek und seine Kolleginnen und Kollegen den Fairteiler-Kühlschrank, messen die Temperatur, sehen nach, ob alle Sachen in Ordnung sind. Alkoholisches, Genussmittel und angebrochene Verpackungen sind tabu, ebenso Hackfleisch, roher Fisch, Rohmilch-Produkte, Speisen, die rohes Ei enthalten, mit Ei und Milch selbst hergestellte Cremes und Puddinge, selbst zubereitete Nudel- und Kartoffelsalate oder Kuchen mit nicht durchgebackenen Füllungen wie Bienenstich, Creme- und Sahnetorten. Es können auch Lebensmittel nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums weitergegeben werden, aber nicht nach Ablauf des Verbrauchsdatums. Die Devise auf der Infotafel heißt: Bitte nur reinstellen, was man selbst noch essen würde. Und jeder, der etwas mitnehme, haftet selbst dafür, ist selbst verantwortlich.

Kurioses habe man bisher noch nicht entdeckt. "Und darum bin ich nicht böse", sagt Halina Neteler. Wie hoch der Durchlauf an den Lebensmitteln ist, sei schwer zu sagen, meint sie. Manchmal sei etwas innerhalb von zwei Minuten weg, Dinge wie Babymilchpulver stünden dagegen länger, weil sie ja nur für eine spezielle Zielgruppe interessant seien. Salat, Gurken und alles für den täglichen Bedarf seien schneller weg. Allein Bleek bringt drei Mal pro Woche als Privatmann etwas vorbei, was er außerhalb der Dienstzeiten abgeholt hat. "Doch insgesamt ist es immer noch zu wenig Angebot für die Nachfrage", sagt Halina Neteler.

Für das Projekt arbeitet Diakonia zwar nicht mit der Foodsharing-Initiative zusammen, diese bewirbt den Kühlschrank aber auf ihrer Seite. Und er ist nicht der einzige in der Stadt. "Fairteiler" gibt es etwa im Kreativquartier in Neuhausen oder im Eine-Welt-Haus in der Schwanthalerstraße. Und auch bei Diakonia wird er nicht der Letzte bleiben. Halina Neteler macht sich bereits Gedanken über weitere Standorte in einer Kita und in der Diakonia-Dependance an der Seidlstraße.

Der Brokkoli und die Zucchini warten an diesem Tag noch auf ihre Abnehmer. Doch der anfangs so unschlüssig wirkende Mann hat sich schließlich doch noch getraut, die Kidneybohnen mitzunehmen.

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Quelle:
SZ vom 08.11.2021
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