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Moosach:Spurlos verschwunden

Dirk Koedoot

Dirk Koedoot (links) mit einem Freund auf der Ludwigsbrücke, aufgenommen am 28. März 1943. Sieben Monate später hatten ihn die Nazis umgebracht.

(Foto: Privat)

Nichts erinnert mehr im Viertel an das ehemalige Arbeitserziehungslager des NS-Regimes. Stellvertretend setzt die Stadt dort nun ein Erinnerungszeichen - an den Niederländer Dirk Koedoot, der nach einer Folter starb

Von Anita Naujokat, Moosach

Auf der Aufnahme lächelt schüchtern ein jungenhaft wirkender Mann. Die Haare leicht nach hinten gekämmt, der Blick in dem schmalen Gesicht offen in die Kamera gerichtet. Einer, der das ganze Leben noch vor sich hat. Gehabt hätte. Denn Dirk Koedoot, am 8. Februar 1925 im niederländischen Ijsselmonde geboren, wurde nur 18 Jahre alt. Er starb an den Folgen von Folter im Arbeitserziehungslager (AEL) der Gestapo in Moosach.

Wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag hatten die deutschen Besatzer Dirk Koedoot zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, wo sie ihn als Bäcker einsetzten. Aus Heimweh und weil er nicht für die Besatzer seiner Heimat arbeiten wollte, wagte der junge Mann die Flucht, wurde aber vor der niederländischen Grenze von einer deutschen Patrouille aufgegriffen, die ihn wieder nach München brachte. Koedoots Neffe, der ebenfalls Dirk heißt, berichtet das in einem niederländischen Blog auf der Internet-Seite der "War Graves Foundation". Im Sommer oder Herbst 1943 - genauer lässt sich nicht mehr rekonstruieren - inhaftierte die Gestapo den 18-Jährigen im AEL in Moosach. Zur Strafe musste er dort fast einen ganzen Tag in tiefem kalten Wasser stehen. Am 20. Oktober 1943 starb Dirk Koedoot an einer Lungenblutung im Hilfshospital an der Maria-Ward-Straße. Ein Überlebender hatte dem Blog zufolge der Familie berichtet, wie und woran Dirk Koedoot gestorben war.

Diese Art von Lagern richtete das NS-Regime von 1940 an ein. Sie standen unter der Aufsicht der Gestapo (Geheime Staatspolizei). Das Lager in Moosach soll der Foundation zufolge Augsburger Kontrolle unterstanden haben, verwaltet wurde es von der Staatspolizeidienststelle München. Die AEL waren Teil des Repressionsapparats zwischen NS-Justiz und Konzentrationslagern für angeblich "Arbeitsscheue" und "Bummelanten", die dort "umerzogen" werden sollten. Die Methoden dafür waren verschärfte Haft, zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit täglich, Strafen, Folter, Willkür und Brutalität. Viele Firmen bis nach Freimann, an die die Gestapo die Inhaftieren "vermietete", profitierten laut dem Moosacher Heimatforscher Volker D. Laturell von der Zwangsarbeit. Wer nicht spurte, kam ins Konzentrationslager.

Das Lager in Moosach hat keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Auch gibt es darüber nur noch spärliche Informationen. Doch anders als im Moosacher Kultur-Geschichtspfad veröffentlicht, hat es sich nicht auf dem Gelände des heutigen Schulzentrums mit Gymnasium, Grund- und Realschule an der Gerastraße befunden. Nach Recherchen des Stadtarchivs stand es weiter nordöstlich auf dem heute freien Gelände nördlich der Triebstraße zwischen Bingener und Feldmochinger Straße. Das NS-Dokumentationszentrum und das Stadtarchiv gehen von einer Eröffnung am 25. August 1941 aus. Klaus Mai, Stadtteilhistoriker für den Münchner Norden, vermutet, dass von Ende Februar 1945 an keine neuen Häftlinge mehr dort eingewiesen wurden und es nach Kriegsende aufgelöst wurde. Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ ) geht dagegen von einem Betrieb von 17. Dezember 1942 bis 13. März 1945 aus. Zumindest ist es der von der Stiftung anerkannte Zeitraum für die Nutzung des Lagers als "Haftort für Zwangsarbeiter." Unter "Arbeit der Häftlinge" vermerkt die Stiftung "Verlegen von Kabeln". Unter den Stichworten "Profiteur, Hauptlager und Assoziierte Lager" findet sich nur: "Keine Angabe." Bekannt ist, dass es noch ein AEL für Frauen unter den mehr als 230 Lagern für Fremd- und Zwangsarbeiter allein 1944 im Stadtgebiet in Berg am Laim gegeben haben soll. In den vier Baracken in Moosach sollen zwischen 400 bis 500 Häftlinge gewesen sein, hat Mai unter anderem im Bundesarchiv in Bad Arolsen gefunden.

Für inhaftierte Menschen wie Dirk Koedoot dürfte es keine Rolle gespielt haben, an genau welchem Tag das Lager eröffnet wurde. Drei Tage nach seinem Tod wurde er am 23. Oktober 1943 auf dem Westfriedhof begraben. Am 24. Mai 1956 bettete man ihn auf das Niederländische Ehrenfeld auf dem Waldfriedhof Oberrad in Frankfurt am Main um. Dort fand er mit 755 anderen Niederländern seine letzte Ruhestätte.

Um Dirk Koedoot einen Platz in der Stadtgesellschaft zurückzugeben, setzt ihm Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) am Donnerstag, 20. Februar, 10.20 Uhr, ein Erinnerungszeichen an der Bingener/Triebstraße. Es ist das erste Erinnerungszeichen für einen Zwangsarbeiter des NS-Regimes und das erste überhaupt im Stadtbezirk. An der Gedenkveranstaltung, die um 9.30 Uhr im Pelkovenschlössl, Moosacher Sankt-Martins-Platz 2, beginnt, nehmen auch der niederländische Generalkonsul Paul Ymkers, Stadträtin Julia Schönfeld-Knor, der Bezirksausschuss-Vorsitzende Wolfgang Kuhn (beide SPD) und der Neffe des ermordeten Zwangsarbeiters Dirk Koedoot teil.

Über Kriegsgefangenen-, Zwangs-, Fremdarbeiter-, Polizei- und Konzentrationslager im Münchner Norden referiert Klaus Mai in einem Vortrag des Geschichtsvereins und der Volkshochschule am Montag, 9. März, 18.30 Uhr, Baubergerstraße 6 a. Ohne Eintritt und Anmeldung.

© SZ vom 19.02.2020
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