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Moosach/Milbertshofen:Straße der Begegnung

Wollen immer für die Jugendlichen Ansprechpartner sein: die beiden Streetworker Axel Irlbauer und Sandra Pudlo.

(Foto: Robert Haas)

Freizeitstätten und Streetwork-Außenstellen sind geschlossen. Diese geschützten Räume fehlen den Jugendlichen. Viele haben Zukunftsängste, wollen reden. Betreuern bleibt nur Social Media - und das Draußen-Sein

Die Coronakrise hat den Blick auf viele Einzelschicksale gelenkt: die Alleinerziehenden, die zu Hause Home-Office und Kinderbetreuung stemmen müssen, die Alten, die keine Besuche mehr im Pflegeheim empfangen haben, die Künstler und Kneipeninhaber, die um ihre Existenz fürchten. Eine Gruppe haben nur Wenige auf dem Radar: die Jugendlichen. Auch sie treiben Zukunftsängste um. Jene, die als sozial benachteiligt, stigmatisiert oder auffällig gelten und sich oft schwertun, in der Erwachsenenwelt Fuß und Vertrauen zu fassen, trifft es umso härter. Zwei Streetworker in Moosach und Milbertshofen berichten aus ihrem Arbeitsalltag in Coronazeiten.

Wäre alles so wie immer, hätten Sandra Pudlo und Axel Irlbauer in den letzten Wochen viel Zeit auf den Straßen ihrer Stadtviertel verbracht. Die beiden Sozialpädagogen sind als Streetworker in Milbertshofen und Moosach unterwegs, ihre Zielgruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 27 Jahren, die sich im öffentlichen Raum aufhalten - auf der Straße, in Fußgängerzonen, in Parks, Innenhöfen oder auf Plätzen. "Es gibt immer einen Grund, warum sie sich im Freien treffen", sagt Axel Irlbauer. Oft sind es Probleme mit den Eltern, beengte Wohnverhältnisse, mangelnde Freizeitgestaltung oder auch Hausverbote in Freizeittreffs. Die Streetworker versuchen, Beziehungen zu ihnen aufzubauen, agieren als Vertrauenspersonen und unterstützen die Jugendlichen, etwa bei der Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz, helfen bei Anträgen auf Arbeitslosengeld II oder familiären Problemen und bieten Freizeitaktivitäten an. Insgesamt 14 Streetwork-Außenstellen betreibt die Stadt München. Sie sind ein wichtiger Anlaufpunkt für die Jugendlichen. In die Außenstelle in Moosach, die üblicherweise einmal pro Woche geöffnet ist, kommen jedes Mal zwischen 20 und 30 Jugendliche, die sich hier treffen, chillen, kickern oder kochen. Es ist ein geschützter Raum, in dem wertvolle Beziehungsarbeit stattfindet. Rund 11 500 Jugendliche haben die insgesamt 25 Streetworker, die im Auftrag der Stadt unterwegs sind, im Jahr 2018 erreicht, über 2200 Jugendliche wurden langfristig betreut.

Mit den Ausgangsbeschränkungen kam vieles davon zum Stillstand. Die Jugendlichen mussten zu Hause bleiben, die Streetworker zogen ins Home- Office um, die Außenstellen sind für Gruppentreffen geschlossen. "Doch die Probleme sind nicht verschwunden", sagt Sandra Pudlo. Die große Herausforderung sei, Kontakt zu den Jugendlichen zu halten, ohne sie auf der Straße treffen zu können. Telefon und Social Media-Plattformen sind seitdem wichtige Verbindungskanäle geworden. "Am Anfang waren wir viel mit Informieren und Aufklären beschäftigt", sagt Irlbauer - was erlaubt sei und was nicht, wie man richtige Infos von Fake News unterscheide und was als Verschwörungstheorie einzuordnen sei. "Schnell kamen auch Zukunftsängste hinzu", hat Pudlo festgestellt: Wenn in Familien das Geld knapp ist, weil ein Elternteil in Kurzarbeit ist, wenn die Jugendlichen selbst von Kurzarbeit betroffen sind oder offen ist, was aus ihren Bewerbungen wird.

Pudlo und Irlbauer sind weiter auf die Straße gegangen, denn nicht mit allen lässt sich der Kontakt telefonisch halten. Am schwierigsten sei es, mit jenen Kontakt aufzunehmen, die neu dazukommen, die sich auf die Straße flüchten, weil sich zu Hause in beengten Verhältnissen und mit neuen finanziellen Nöten die Probleme verstärkt haben. Auffällig sei, dass vor allem Jugendliche, die die Streetworker bislang als stabil eingestuft haben, weil sie in die Schule gehen oder einen Ausbildungsplatz haben, plötzlich verstärkt in den Fokus rücken. "Wenn die Eltern in Kurzarbeit gehen und Sorgen haben, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen, belastet das auch die Jugendlichen", sagt Irlbauer. Einige Azubis hätten sogar Aufhebungsverträge ihrer Ausbildungsbetriebe angeboten bekommen.

Streetwork lebt von intensiver, persönlicher Beziehungsarbeit Diese vor allem über Telefon und Social Media-Kanäle zu betreiben, hätte Irlbauer vor ein paar Monaten noch für unmöglich gehalten. Inzwischen zeigt sich, dass es funktioniert. "Wir können da viel rausholen." Durch die Lockerung der Ausgangsbeschränkungen sind wieder mehr junge Leute draußen anzutreffen. Die Außenstellen sind aber weiterhin nur für Einzelfallarbeit geöffnet, auch Gruppenaktivitäten finden weiterhin keine statt. Pudlo und Irlbauer gehen davon aus, dass sich das auch in nächster Zeit nicht ändern wird. Bleibt als Treffpunkt die Straße.

© SZ vom 25.05.2020

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