Moosach:Der Wald ächzt

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Im Kapuzinerhölzl ist die Freizeitnutzung in diesem Jahr geradezu explodiert. Darunter leidet die dort beheimatete und teils einzigartige Pflanzenwelt, warnen Experten - während Anwohner von Vandalismus berichten

Von Kirsten Wolf

Seit Jahrzehnten ist das Kapuzinerhölzl ein beliebtes Freizeitziel für Menschen im Münchner Westen. Ob von der Menzinger Straße, der Schragenhofstraße oder In den Kirschen, das Stadtwäldchen ist schnell erreicht. Neben Joggern, Fahrradfahrern, Kindergruppen und Spaziergängern mit und ohne Hund begegnet man Waldbadenden, Picknickern, Zeltenden oder Hobbyfotografen - und sogar einem Sondengänger, der hier Munition aus dem Zweiten Weltkrieg aufspürt.

Biotoppfleger Norbert Horlacher im Kapuzinerhölzl, In den Kirschen 100

Tipis oder andere kunstvolle Stapel mit Holz sollten zum Schutz der Flora nur im Wald selbst, nicht auf den Lichtungen errichtet werden.

(Foto: Florian Peljak)

Dass er dabei, wie viele andere auch, über schützenswerte Lichtungen spaziert, weiß er sicher nicht. Seit 2005 wird im Kapuzinerhölzl vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) ein besonderes Biotop betreut. Dort wachsen Traubige Graslilie, Besenheide, wilde Heidelbeeren, das kleine Mädesüß, Färberginster, Steinbeere und einiges mehr - Pflanzen, die im Münchner Raum selten oder sogar einzigartig sind. In Kombination mit dem bis zu 200 Jahre alten Baumbestand bieten die Blütenpflanzen zudem Lebensraum für eine Fülle von Insekten.

Biotoppfleger Norbert Horlacher im Kapuzinerhölzl, In den Kirschen 100

Freiraum - für die Natur: Im Kapuzinerhölzl wachsen seltene Pflanzen, etwa die Besenheide.

(Foto: Florian Peljak)

Leider werden die artenreichen Lichtungen oft unsensibel genutzt, weiß Katharina Spannraft, Projektleiterin Biotoppflege bei der LBV-Kreisgruppe München. Mit Holzansammlungen und Tipis aus Totholz zum Beispiel, die die Pflegearbeit oft erheblich behindern. Die besteht in der Hauptsache darin, die Böden mager zu halten, ihnen also Nährstoffe zu entziehen, weil die Pflanzen genau das zum Gedeihen brauchen. Dafür werden die Rasenflächen regelmäßig ausgerecht, von Eichenblättern befreit und von dem Müll, der sich immer wieder ansammelt. Ein- bis zweimal im Jahr wird gemäht, anschließend das Gras abtransportiert, damit es nicht als Nährstoff in den Boden gelangt. "Die Mahd kann nicht stattfinden, wenn da ein Totholzkreis liegt", sagt Katharina Spannraft, "und die Vegetation kommt auch nicht mehr hoch." Wer da so fleißig Holz sammelt und kunstvoll auftürmt, haben die LBV-Mitarbeiter nicht herausfinden können. Deshalb hatte man im März dieses Jahres mit Schildern darum gebeten, die gesammelten Werke von den Lichtungen zu entfernen. Doch die Schilder wurden abgerissen, die Holzbauten blieben liegen, das LBV-Team musste schließlich selbst Hand anlegen. Nur da, wo es "pflegerelevant" war, habe man das Holz weggenommen und zurück in den Wald gelegt, sagt die 35-jährige Geografin: "Uns ist klar, dass es großen Spaß macht, diese Sachen zu bauen. Und wir bedauern, dass es in München nicht mehr Raum gibt für beides, Biotoppflege und Naturspielplatz zugleich."

Biotoppfleger Norbert Horlacher im Kapuzinerhölzl, In den Kirschen 100

Damit sie gut gedeihen, recht Biotoppfleger Norbert Horlacher den Boden ab, dies verhindert, dass zu viele Nährstoffe eindringen.

(Foto: Florian Peljak)

Norbert Horlacher arbeitet hauptamtlich als Biotoppfleger beim LBV, sechs bis acht Mal im Jahr ist er im Hölzl, oft mit Ehrenamtlichen. Der Landschaftsgärtner ist hörbar stolz auf seine unermüdlichen Helfer: "Die sind wirklich bereit, viel zu leisten. Ohne sie ginge gar nichts." In einigen Bereichen auf den Lichtungen haben die LBVler bis zu 20 Zentimeter Humusauflage abgetragen, "abplaggen" nennt man das, damit sich die seltenen Pflanzen auf dem freigelegten Rohboden besser ausbreiten. Ideal für eine Picknickdecke, denken sich einige Besucher, manchmal sammeln Kinder ihre Waldschätze darin - "die müssen wir leider wieder rausräumen", bedauert der 63-Jährige. "Ein Freiraum - für die Natur", heißt es deshalb auf einem anderen Schild, das die Kreisgruppe München an einem Baum befestigt hat, als es mit den Corona-Beschränkungen losging. Denn in den Wäldern ist die Freizeitnutzung seitdem "geradezu explodiert", weiß Förster Sebastian Steigner, der das Kapuzinerhölzl für die Bayerischen Staatsforsten betreut. Die vielen Holzbauten und Tipis sind für ihn "ok", wenn sie im Wald stattfinden und nicht auf den Lichtungen. Das ist auch dem LBV wichtig - "und auf den Wegen bleiben, meinetwegen auch auf den Trampelpfaden", sagt Katharina Spannraft. Das gelte für Mensch und Hund, "und wenn schon, bitte die Häufchen dort nicht liegenlassen", denn sie bedeuten einen unerwünschten Nährstoffeintrag und machen die Arbeit für die naturverbundenen Helfer oft "sehr unangenehm". Mit einer großen Info-Tafel will der LBV im kommenden Jahr über das besondere Vegetationsspektrum im Kapuzinerhölzl aufklären, finanzieller Zuschuss vom Referat für Gesundheit und Umwelt ist zugesagt. Da muss dann noch der Förster einverstanden sein, der von Verbotsschildern aller-dings wenig hält. Doch die Tafel des LBV will nicht verbieten, sondern an das Ver-ständnis der vielen Besucher für ihren Wald appellieren, "und an ihre Liebe zur Natur", sagt Norbert Horlacher.

Als mehr als unangenehm empfindet ein Anlieger den "Vandalismus" etwas abseits der Lichtungen. Illegal angelegte Bodenschwellen werden hier von kleinen und großen Mountainbikern für sportliche Aktivitäten genutzt. Latten aus dem Zaun der benachbarten Forschungsanstalt seien dafür als Sprungschanzen zweckentfremdet worden: "20 Stück sind gerade erst wieder rausgerissen worden", sagt ein verärgerter Mitarbeiter, "das machen wir nicht länger mit." Also womöglich doch noch Verbotsschilder, auf die Förster Sebastian Steigner, 38, so gern verzichten würde. Sein Wunsch, den sicher viele teilen, die sich hier und anderswo für den Naturschutz engagieren: "Die Leute dürfen gern zu uns in den Wald kommen, um sich zu erholen. Aber ich wünsche mir mehr Akzeptanz - für uns und für alles, was hier gepflegt und gehegt wird."

Das Kapuzinerhölzl liegt größtenteils im Stadtteil Moosach und wird von den Bayerischen Staatsforsten bewirtschaftet. Der rund 15 Hektar große Eichen-Hainbuchenwald zählt zum Natura-2000-FFH-Gebiet "Nymphenburger Park mit Allee und Kapuzinerhölzl". Gefördert wird das Biotoppflege-Projekt des LBV in Bayern e. V. vom Referat Gesundheit und Umwelt der Stadt München und von den Bayerischen Staatsforsten.

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