Moosach:Warum das Botanikum fehlen wird

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Moosach: Grünes Idyll in der Stadt: das Botanikum in Moosach.

Grünes Idyll in der Stadt: das Botanikum in Moosach.

(Foto: Robert Haas)

Wieder wird in München etwas ganz Besonderes, Unaufgeräumtes und Verschlafenes platt gemacht, weil Wohnungsbau und Investorengewinne Vorrang haben. Eine bedauernde Betrachtung.

Glosse von Wolfgang Görl

Spaziert man durch diesen sonderbar entrückten Mikrokosmos, dann blitzt für einen Moment der Gedanke auf, hier könnte der antike Philosoph Epikur um die Ecke kommen. Epikur? Nun, jeder mit einer soliden Viertelbildung ausgestattete Lifestyle-Münchner weiß natürlich, dass dieser griechische Denker vor gut 2300 Jahren das lustvolle Leben, die Freundschaft und den Samos-Teller mit Gyros, Souvlaki, Bifteki und Tsatsiki erfunden hat.

Vor allem aber hatte er einen Garten nahe Athen, in dem er mit seinen Schülern, zu denen, Zeus sei's geklagt, auch Sklaven und Frauen gehörten, philosophierend lustwandelte. Lebte Epikur noch, hätte er anstelle des feinstaubigen Athen längst Moosach als Standort seines Philosophengartens gewählt - genauer gesagt: das Botanikum an der Feldmochinger Straße. Es gibt keinen Ort, der besser geeignet wäre, in die Tiefen des Seins einzutauchen und hinaufzufliegen zu den Luftschlössern der Phantasie.

Dabei ist das, was man dort sieht, auf den ersten Blick ziemlich irdisch: Bäume, wild wuchernde Büsche, entlang der Wege Gewächshäuser, worin Künstler ihre Ateliers haben, zahllose Blumentöpfe, in denen Palmen und Orangen wachsen, Götterstatuen, wilder Wein, selbstbewusst sprießendes Unkraut. Freunde der pedantischen Ordnung würden von einem Durcheinander sprechen und sich bestätigt fühlen: Kunst und Schlamperei sind Synonyme.

Mag sein. Aber gerade die ins Kraut schießende Überfülle macht das Botanikum zu einem bayerisch-mediterranen Arkadien, wo man bereits nach einer halben Flasche Wein feingliedrige Nymphen, Satyrn und Dionysos persönlich durchs Gestrüpp streifen sieht. Nein, das ist nicht mehr Moosach. Und auch nicht München. Das ist eine andere Welt.

Doch keine Angst, Freunde der Ordnung: Diese Welt ist dem Untergang geweiht. Das Botanikum wird platt gemacht. Arkadien, so der Beschluss, ist gerade mal gut, als Ausgleichsfläche für ein Neubauprojekt zu dienen. Eine Wiese soll daraus werden - naja, mal sehen. Jedenfalls ist nichts mehr zu machen, der Wohnungsbau hat Priorität, erst recht, wenn ein Investor daran verdienen muss. Aber betrübt darf man schon sein, oder? Betrübt, weil wieder etwas Besonderes, Einzigartiges verschwindet. So wie neulich der letzte idyllische Hinterhof in unserer Straße oder das alte, leicht verlotterte Haus, das seit Jahren zu flüstern schien: Ich bin klein, bin unscheinbar, aber lasst mich stehen. Hat nichts genützt.

Auch die Stehkneipe mit dem zusammengenagelten Holzverschlag ist nicht mehr. All die verschnarchten Ecken, das Unaufgeräumte, Versponnene, die versteckten Zwischenräume, die der Maximalverwertung lange entgangen sind, werden wegsaniert. Oft hat man sie gar nicht wahrgenommen, aber wenn sie dann durch einen coolen Investorenpalast ersetzt sind, fällt einem ein: Verdammt, wie schön war das mal. So wird es auch, wenn das Botanikum liquidiert ist. Und von Epikur und Dionysos wird man sagen: unbekannt verzogen.

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