Monty Richthofen ist Nachfahre des Jagdfliegers „Roter Baron"Ein Künstler sticht Tattoos als Zeichen der Hoffnung

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Seine Tattoo-Arbeiten sind derzeit in der Münchner Pinakothek der Moderne in der Ausstellung „Eccentric“ zu sehen: Monty Richthofen.
Seine Tattoo-Arbeiten sind derzeit in der Münchner Pinakothek der Moderne in der Ausstellung „Eccentric“ zu sehen: Monty Richthofen. (Foto: Lukas Städler)

Monty Richthofen ist verwandt mit Deutschlands bekanntestem Jagdflieger. Er sieht den kriegerischen Teil der Familiengeschichte als Beweggrund, statt Gewalt Kunst zu produzieren: unter anderem auf nackter Haut, mit eintätowierten Botschaften.

Von Jürgen Moises, München

„Klar, ich bin komplett zutätowiert“. Das wäre schon mal die erste mögliche, aber wie er sagt, rein „oberflächliche“ Erklärung dafür, warum man Monty Richthofen für einen Exzentriker halten kann. Und als solcher ist er ausgestellt, in der Schau „Eccentric“, die noch bis 27. April in der Pinakothek der Moderne läuft. Erkennbar ist diese Oberfläche am Tag dieser Begegnung in einer Hotellobby aber nur ein Stück weit an den Armen, an den Händen und am Hals. Der Rest wird von einem blau-weiß karierten Hemd und einem blauen Halstuch verdeckt.

Die dunkle Sonnenbrille, mit der Monty Richthofen aus dem Aufzug gestiegen ist, hat er für das Gespräch abgesetzt. Er trägt eine rote Kappe, einen Bart, zwei Ohrringe. Wenn er lächelt, und das tut er oft, fällt auf, dass ein Stück seines rechten Schneidezahnes fehlt. Er sei „in Barcelona in einen Tunnel gestürzt und in ein Gleisbett gefallen“, erfährt man später. Passiert sei das aber schon vor sieben oder acht Jahren. Dabei seien ihm „zwei Zähne abgebrochen“. Und ein „Stück Zahn“ verabschiede sich seitdem „immer mal wieder“, sagt der Künstler und Nachfahre von Manfred von Richthofen; jenes legendären deutschen Jagdfliegers, der am Ende des Ersten Weltkrieges selbst abgeschossen wurde und der als „Roter Baron“ bis heute weltweit Filme und Bücher inspiriert.

„Der Rote Baron war ein entfernter Vetter von meinem Urgroßvater“. So erklärt Richthofen auf Nachfrage die familiäre Verbindung. Und obwohl es also nur eine ferne Verwandtschaft ist, sieht er als Künstler und Mensch hier trotzdem eine Verantwortung. Tatsächlich habe es in seiner Familie „sehr viele Akteure“ in „diesem militärischen Bereich“ gegeben. Wolfram von Richthofen gehört nicht dazu. Allenfalls dem Namen nach. Und trotzdem habe er sich auch mit diesem berühmten deutschen Heeres- und Luftwaffenoffizier aus dem Zweiten Weltkrieg „sehr intensiv“ beschäftigt, erzählt der junge Künstler. „Der hat in Guernica die Bomben abwerfen lassen, woraufhin Picassos berühmtestes Werk entstanden ist.“

Aus dieser gefühlten Verantwortung heraus habe er sich schließlich ganz bewusst gegen „Krieg und Zerstörung“ und stattdessen für „Kunst und Kultur“ entschieden. Und deshalb sei es sehr wichtig, glaubt er, „Brücken zu bauen, anstatt zu zerstören.“ Der Exzentriker als friedvolles Wesen. Was er selbst unter „Exzentrik“ versteht? Nun, auf jeden Fall mehr als das Offensichtliche, die Oberfläche. Stattdessen gehe es da „vor allem um innere Werte“, um „eine Philosophie“. Und die habe etwas mit „Anecken“, mit „an gewisse Grenzen stoßen, vielleicht auch Grenzen überschreiten“ zu tun. „Das tue ich auf jeden Fall mit meiner Arbeit.“

Gemeint sind damit etwa die Tattoo-Performances, die Richthofen, der 1995 in München geboren wurde und dort aufgewachsen ist, seit etwa zehn Jahren macht. Die in der Pinakothek der Moderne gezeigte Arbeit „The Cards You Were Dealt I, II, III“ geht auf eine solche, im letzten Jahr in einer Berliner Galerie veranstaltete Performance zurück. Dort habe er Teilnehmern aus „meinem Archiv“ Texte vorgelegt, „die sich mit dem 21. Jahrhundert als Phänomen auseinandersetzen“. Dazu gehörten Sätze wie „CEO of nothing“ oder „Life is a shit show and I am the main act“. „Der Deal war“, erzählt Richthofen, „dass sie, wenn sie sich einen von diesen Texten tätowieren lassen, für die nächste Person eine Auswahl an Texten vorlegen dürfen.“ Und so weiter.

Dadurch entstand eine Art „zusammenhängender Text“, durch den „alle miteinander verbunden“ waren, erklärt der Künstler. „Aber das Individuum, der einzelne Text, spielt keine Rolle mehr.“ Tatsächlich sei es am Ende auch nicht wichtig, dass man die Texte lesen kann, die Monty Richthofen meist noch auf andere Medien, auf Wände, Leinwände oder Leuchtkästen überträgt. Weshalb es zum Prozess dazugehört, dass er Wörter wieder durchstreicht, schwärzt, sie unleserlich macht. Denn einerseits sei Sprache, die bei seinen Arbeiten immer am Anfang steht, ein Versuch, Grenzen und Differenzen zu überbrücken. Nur dass das nie komplett gelingt, so der Künstler, der mit einem Arm auf der Sofalehne und den locker übereinander geschlagenen Beinen beim Gespräch sehr offen wirkt.

„The Cards You Were Dealt I, II, III“ (rechts) von Monty Richthofen in der Pinakothek der Moderne.
„The Cards You Were Dealt I, II, III“ (rechts) von Monty Richthofen in der Pinakothek der Moderne. (Foto: Haydar Koyupinar/Bayerische Staatsgemäldesammlung)

Auch die Kunst sei letztlich eine „Brücke“. Ein Wort, das genauso wie „Verletzlichkeit“ gleich mehrfach fällt. „Was die Menschen brauchen, ist Verletzlichkeit“, sagt Richthofen. Und dass sie ein „fundamentaler Bestandteil des Künstlerdaseins“ sei. Vor allem heute, wo die „Anonymität des Internets“ die Menschen „sehr viel weniger verwundbar macht“. Und gleichzeitig sehr aggressiv. Weil sie die Folgen ihres Tuns dort nicht mehr spüren. Deswegen hält es Monty Richthofen auch für wichtig, dass Künstler in den öffentlichen Raum gehen. Das hat er schon als junger Graffiti-Sprayer in München gemacht. „Es ist für mich unvorstellbar, eine Stadt zu haben, wo keine Meinung öffentlich geäußert wird.“

Was es ebenfalls brauche, das sei Diversität. „Ich habe ein sehr starkes Bedürfnis nach Vielfältigkeit.“ Und da sei die Zeit in London, wo Richthofen nach seinem Abitur an einem Internat in Frankreich von 2015 bis 2018 Performance-Kunst studiert hat, „Augen öffnend“ gewesen. „Wenn man da in einem Bus sitzt und lauter verschiedene Sprachen hört und keiner von denen spricht Englisch (…) das fand ich faszinierend.“ Genau das schätze er auch an Berlin, wo er nach einem Umweg über Leipzig wohnt und arbeitet. München? „Hat das aktuell nicht zu bieten“, sagt er ganz offen. Es habe ja auch einen Grund, warum junge, kreative Menschen hier nicht bleiben wollen. „Weil sie sich nicht in dieser Stadt repräsentiert fühlen.“ Und weil es zu wenig Ateliers, zu wenig Förderung gibt.

Was es hier aber immerhin gibt, sind Künstler wie Flatz. Der erregte zuletzt mit einer Aktion in der Pinakothek der Moderne Aufsehen, wo es um die angebliche Versteigerung seines tätowierten Körpers ging. Ob er mit Flatz etwas anfangen könne? „Ja, auf jeden Fall. Ich finde, gerade für München ist er eine wichtige Stimme, eben weil er aneckt.“ Weil er, so Monty Richthofen, „seine Stimme und seine Plattform nutzt, um eine progressive Entwicklung in der Stadt hervorzurufen“. Und das sei eben genau das, was Künstler, was Exzentriker tun, die er deshalb auch in einer gewissen Verantwortung sieht. Ob der gegen alle Normen verstoßende Donald Trump ein Exzentriker ist? „Ich würde ihn als einen absoluten Verrückten beschreiben.“

Ein Künstler mit Haltung, mit Prinzipien. Damit wäre Monty Richthofen ohne Frage eine Bereicherung für die Stadt München, zu der er, wie er sagt, allein durch seine Mutter trotz allem „eine sehr starke Bindung“ hat. Genauso wie zu Penny, seinem ungarischen Jagdhund, der während des Gesprächs oben im Zimmer wartet. „Der Hund ist eigentlich immer an meiner Seite“, verrät der Künstler. Ob er denn auch eine besondere Beziehung zu Snoopy hat? Dem berühmten Hund aus der Comicserie „Die Peanuts“, der darin wiederholt gegen den Roten Baron kämpft? „Nee, da gibt es keine“, entgegnet etwas enttäuschend Monty Richthofen. Auch mit seinem Hund kämpfe er nicht. Stattdessen habe er durch Penny ganz neue Seiten an sich „kennenlernen dürfen“. Und darum gehe es ihm letztlich auch in seiner Kunst.

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