Stammgästen ging das Herz auf, bevor es zerbrach. 14 Jahre lang schwärmten prominente und nicht prominente Genussmenschen von dem Backsteinhaus im Schlachthofviertel, von der lässigen Terrasse in zwielichtiger Gegend, von der kompromisslosen Küche und der Authentizität. Bella Italia in Monaco. Im Monti Monaco. Einige schwärmten sogar noch länger, sie gingen bereits beim Vorgänger ein und aus, dem Namenspaten und Feinkostspezialisten Donato „Monti“ Montanarella.
Anfang 2025 dann der Bruch. Das Lokal von Sarah di Santo, die nach dem Tod von Montanarella 2011 übernommen hat, ist umgezogen. Man wolle sich vergrößern und weiterentwickeln. Um an einem zentraleren Ort neu zu erblühen.
Nostalgiker können hier aufhören zu lesen.
Denn eines ist klar: So wie es einmal war im Monti Monaco (wo freilich auch nicht alles fantastico war, man denke an den Schlachthof-Gestank), wird es nie wieder sein. Wer aber bereit ist, nicht nur der Vergangenheit hinterherzuhängen und die aktuelle Selbstdarstellung als „gastronomisches Lifestyle-Unternehmen“ augenrollend hinzunehmen, der wird – Spoiler! – positive Überraschungen erleben. Vertrautes und Neues bei einem der vielleicht spannendsten Italiener der Stadt.
Zunächst zur Lage, denn die hat Vor- und Nachteile. Das dürften auch die Vorgänger bestätigen (eine Pepenero-Filiale und der Perser Samian & Syrus). Hier, wo die Ludwigsbrücke in die Zweibrückenstraße übergeht und diese von der Steinsdorf- beziehungsweise Erhardtstraße gekreuzt wird, herrscht allzeit reger Durchgangsverkehr. Zentral, gewiss, aber „ein Traum“, wie auf der Homepage steht? Nun ja.
Fairerweise muss man sagen, dass die Baustelle neben den Außentischen ein temporäres Problem sein dürfte. Und der Blick von oben, wo im ersten Stock des Restaurants Firmen-Partys gefeiert und Tête-à-Tête-Dinner zelebriert werden, ist zweifelsohne hübsch urban.

Sarah di Santo, Marketing-Profi und herzliche Gastgeberin, stellt sich den neuen Herausforderungen mit Verve und Optimismus. Ihr Konzept ist beeindruckend. Das Monti Monaco ist, wenn man so möchte, die eierlegende Wollmilchsau unter den Ristoranti (gibt es dafür einen Ausdruck im Italienischen?).
Restaurant für mittags und abends, Tages- und Weinbar, Delikatessenladen und Online-Shop, Event-Location und Catering – das Monti will alles sein. Und gut dabei aussehen. Die Räume strahlen eine offene, schlichte Eleganz aus, immer auch ein bisschen stylisch. Ruhetage gibt es nicht, bereits vormittags kann man auf einen Cappuccino mit Hörnchen vorbeischauen.

Klassisch italienisch probieren sich Gene Tonic und seine Entourage an mehreren Tagen durch das überschaubare, aber keineswegs kleine Angebot aus Antipasti, primi und secondi piatti sowie Dolce. Neu im Monti-Repertoire sind die Pizzen (dazu später mehr). Die Abendkarte wechselt saisonal, die Mittagskarte täglich. Überraschungsmenüs gibt es für 55 Euro (drei Gänge) und 65 Euro (vier Gänge). Weinbegleitung kostet extra.
Bereits bei den Antipasti zeigt sich, wie gut das vielschichtige Konzept ineinandergreift. Der gemischte Teller aus Fenchelsalami, Schinken und Amarone-Käse wird direkt aus der Feinkostvitrine geholt und auf Wunsch zusammengestellt (19,90 Euro). Eine ausgezeichnete Empfehlung zum Start (oder für einen Feierabendkurzbesuch an der Bar). Gleiches gilt für „Verdure sott’olio“, in Öl eingelegte Gemüse-Spezialitäten aus Apulien (11,90 Euro), darunter die vorzüglichen mit Thunfisch gefüllten Peperoncini. Das im Laden erhältliche eigene Olivenöl überzeugt ebenso wie die Focaccia, die in kleinen Stücken im Brotkorb dazu gereicht wird.
Das Schwärmen geht weiter, die Pasta-Gerichte erweisen sich als pures Glück. Die hausgemachten Ravioli mit Ricotta-Füllung, Salbeibutter und der Aura von Limonen (17,90 Euro) erreichen uns al dente und schmecken ausgezeichnet. Und die Tagliatelle mit Ossobuco-Ragù und Gremolata (19,90 Euro) sind eine der besten, weil vollmundigsten Ragù-Kreationen, die wir je gegessen haben. Grob gehackt, aber fein komponiert, mit tiefem Fleischaroma und der Frische von Orangen und Zitronen. Mamma mia!
Bei den secondi piatti bestätigt sich der Eindruck, dass hier großer Wert auch auf die Optik gelegt wird. Alle Teller wunderschön, um nicht zu sagen: instagramtauglich. Die Dorade vom Grill (28,90 Euro) wird, auf Wunsch, von der Chefin selbst filetiert. Die Qualität der Produkte überzeugt. So auch das Fleisch. Das argentinische Rinderfilet vom Lavasteingrill (36,90 Euro) kuschelt sich an ein paar Pfifferlinge und ist schmackhaft und auf den Punkt. Lediglich die Rinder-Tagliata mit Rucola, Kirschtomaten und Parmesan (26,90 Euro) gerät bei unserem Besuch zu trocken. Medium-rare? So fern wie das Meer.

Am meisten ärgert sich Gene Tonic über den Beilagensalat. 6,90 Euro für eine Handvoll Grün- und Radicchio-Streifen im Versteckspiel mit Schnipseln aus Rucola, Karotten und Radieschen sind, mit Verlaub, unverschämt. Apropos Suchen und Finden: Vegetarier haben im Monti Monaco zwar keine Schwierigkeiten (Veganer schon eher), eine große Auswahl haben sie aber nicht.
Die Pizzen, die am neuen Standort das Angebot bereichern, machen durchweg Freude. Handgemacht aus gereiftem italienischen Lievito-Madre-Sauerteig, kommen sie dünn und knusprig daher, aber nicht trocken. Die roten karamellisierten Zwiebeln geben der Pizza tonno einen süßlich-verspielten Twist (16,90 Euro).
Um die Lust auf Süßes weiter zu befeuern, seien hier noch der Hausklassiker, das Tiramisù al Pistacchio, und das vorzügliche Millefeuille mit Pfirsich und Joghurt-Eis empfohlen (jeweils 9,90 Euro). Beides passt perfekt zu einem gut gerührten Negroni (11,90 Euro).

Großes Lob an den Service. Wir haben zweimal das Glück, von einem langjährigen Mitarbeiter umsorgt zu werden. Er plaudert gern über alte und neue Monti-Zeiten, berät exzellent und gibt Orientierung in der imposanten Weinkarte. Diese umfasst bekannte Posten und Entdeckungen auch aus weniger populären Regionen Italiens (etwa aus den Marken). Möglich sind einzelne Gläser auch von Flaschen, die nicht bei den offenen Weinen gelistet sind (und preislich fair berechnet werden).
Und damit zurück zum Anfang. Das neue Monti Monaco ist nicht das alte Monti Monaco. Va bene. Das Restaurant in Fußnähe zum Deutschen Museum muss sich neu behaupten. Das Herz schlägt nach wie vor für die Feinkost. Ob der Ort die richtige Wahl war, wird sich zeigen. Gene Tonic wird der Frage beim nächsten Negroni an der Bar nachgehen. Die ist nämlich auch sehr hübsch.
Monti Monaco, Steinsdorfstraße 22, 80538 München, Telefon 089/76702868, Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 10 bis 23 Uhr, Sonntag 12 bis 22 Uhr
Die SZ-Kostprobe
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

