Moderne Medizin in München:Das Problem Nuckelflaschen-Karies

Doch alle Probleme sind damit natürlich nicht gelöst: Gerade Kleinkinder kommen laut Experten oft zu spät zum Zahnarzt, ihre Milchzähne sind dann nicht mehr zu retten. Karies gelte als häufigste chronische Erkrankung bei Kindern im Vorschulalter, sagt Wolfgang Eßer, Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). Vor allem die sogenannte frühkindliche Karies - oft auch als Nuckelflaschen-Karies bezeichnet - ist ein Problem.

Als Hauptursache gilt, dass Kinder zu oft Säfte, Schorlen und andere gesüßte Getränke zu sich nehmen. Tränken sie ausschließlich Wasser, wäre Karies recht einfach zu vermeiden. Deshalb müssten Vorsorge und Therapie bei kleinen Kindern wesentlich verbessert werden, fordert die KZBV. Sie will erreichen, dass die Vorsorgeuntersuchungen gesetzlich verankert werden, um Karies früher zu erkennen.

Wann die Infiltration nicht mehr hilft

Kühnisch stellt in seiner alltäglichen Arbeit immer wieder fest, dass Zahngesundheit stark von der gesellschaftlichen Schicht abhängt, in der Kinder und Jugendliche aufwachsen. Während Kinder aus bildungsnahen Familien selten an Karies leiden, tritt die Krankheit bei Gleichaltrigen aus bildungsfernen Elternhäusern häufiger auf. "Die Schere geht gefühlt immer weiter auseinander", sagt Kühnisch.

Karies werde zunehmend zu einem sozialen Problem. Ungesündere Ernährung sei dabei ebenso ein Faktor wie die Tatsache, dass arme Eltern mit ihren Kindern zu spät zum Zahnarzt gingen. "Da kommen sechs oder sieben kariöse Zähne auf einmal zusammen", sagt Kühnisch. Dabei zeigt er in seinem Büro in der Goethestraße Bilder eines Sechsjährigen, dessen Milchzähne braun verfärbt und teilweise schon löchrig sind.

In solchen Fällen hilft die Infiltration nicht. Nicht mehr. Sie kann aber Menschen, die Angst vor dem Zahnarzt und vor allem vor dem Bohrer haben, motivieren, doch häufiger eine Praxis aufzusuchen. Allerdings muss der potenzielle Patient derzeit noch ein wenig suchen, bis er in München einen Mediziner findet, der die Technik auch anbietet. Der Kunststoff wird aktuell nur von wenigen Zahnärzten eingesetzt; seit Generationen haben sie schließlich nur beigebracht bekommen, bei Karies den Bohrer in die Hand zu nehmen. Zudem muss der Patient die Infiltrationsbehandlung selbst bezahlen. Die Gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten bisher nicht - die immerhin zwischen 80 und 150 Euro pro Zahn liegen.

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