bedeckt München 10°

Modellschule:Diese Grundschule könnte ein Prototyp für München werden

Vier neue Grundschulen in München sehen sich ziemlich ähnlich, weil sie in der gleichen Modulbauweise entstanden sind.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • An diesem Dienstag starten in München 10 941 Erstklässler in die Schulzeit.
  • Die Stadt nimmt zum neuen Schuljahr vier fast baugleiche neuen Grundschulen in Betrieb, die statt auf Tafel und Kreide auf Kameras und digitale Whiteboards setzen.
  • Besondern attraktiv für Eltern und Schüler ist ein Nachmittagsangebot, das Ganztagsschule mit Tagesheimbetreuung kombiniert.

Von Melanie Staudinger

Lange muss Michaela Fellner nicht überlegen bei der Frage, was ihr am besten an ihrer neuen Schule gefällt. Die vollautomatische Tellerwaschanlage, sagt sie und lacht. Genau kann sie sich noch erinnern, wie die Sache mit dem Geschirrspülen an ihrer alten Schule ablief. Ganz am Anfang, als an der Paulckestraße der Ganztagsunterricht startete, brachten die Kinder ihre Teller nach dem Essen zur Spüle. An der standen Schulleiterin Fellner mit ihrer Konrektorin und der Hausmeisterin, alle drei mit Glitzi-Schwämmen bewaffnet, und schrubbten.

Jetzt, am Bauhausplatz, werden die Mensamitarbeiter die Teller samt Tablett auf einer Seite der Waschanlage dreckig hineinstellen und ein paar Minuten später auf der anderen Seite blitzeblank herausholen. Nur eine von vielen Veränderungen, die Fellner während eines Rundgangs durch die neue Schule erzählt.

Für sie ist dieser Dienstag genauso besonders wie für die 10 941 Münchner Erstklässler, für die die Schule beginnt. Fellner wechselt von der Grundschule an der Paulckestraße als Rektorin an die Grundschule am Bauhausplatz, ein Sprung vom Hasenbergl nach Freimann, vom Problemviertel in die Neubausiedlung am Frankfurter Ring, von einem Schulbau aus den Sechzigerjahren in das neue Prestigeprojekt der Stadt, die vier fast baugleiche Grundschulen errichten hat lassen, um Zeit und Geld zu sparen und trotzdem moderne Bildungseinrichtungen bereitzustellen. Zwei dieser Schulen stehen in Freiham, eine an der Ruth-Drexel-Straße auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne in Bogenhausen und eine am Bauhausplatz.

Die Grundschule dort ist nicht nur schön anzuschauen und modern gebaut. Fellner bietet hier etwas an, worauf viele Eltern lange gewartet haben. Die Schule verbindet Ganztagsschule mit Tagesheimbetreuung. Unterrichts-, Erholungs- und Spielphasen wechseln sich am Vormittag und am Nachmittag ab. Die Kinder werden aber nicht wie im Ganztag üblich Freitagmittag nach Hause geschickt, sondern wie an den anderen Wochentagen bis abends weiterbetreut.

Gleiches gilt für die Ferien: Auch dann können Eltern ihre Kinder in der Schule abgeben. Ein solches System gibt es sonst nirgends in München. Eine abgespeckte Fassung hat bisher die Grundschule an der Türkenstraße erprobt, wo die Ganztagskinder am Freitagnachmittag den Hort besuchen können. An den Grundschulen an der Farinellistraße, am Schererplatz und am Winthirplatz decken die Träger, die den Ganztag organisieren, die Stunden vorm Wochenende ab; die Burmesterschule und die Grundschule an der Farinellistraße haben eine Ferienbetreuung.

Die Grundschule am Bauhausplatz könnte zum Prototypen einer neuen Betreuungsform werden, über die Stadt und Freistaat schon lange im Gespräch sind. Dem gebundenen Ganztag fehlt es an Akzeptanz. Zwar wünschen sich 86,6 Prozent der Eltern ein ganztägiges Angebot für ihr Kind, wie die neueste Elternbefragung ergeben hat, die Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD) an diesem Mittwoch dem Stadtrat vorlegen wird. Die klassische Ganztagsschule aber würden nur 35 Prozent wählen. 49,1 Prozent gaben an, dass ihr Kind bis 17 Uhr oder länger betreut sein soll, ein Drittel der Eltern benötigt am Freitag ein Angebot bis 16 Uhr oder länger.

Die meisten Familien bevorzugen daher die Horte - doch dort fehlt es an Erziehern für all die Kinder. Für das neue Schuljahr bekam die Stadt vier beantragte Ganztagsklassen nicht genehmigt - weil es zu wenige Anmeldungen gab. Auch am Bauhausplatz muss Fellner noch Überzeugungsarbeit leisten. Zwar bleiben die meisten ihrer 300 Schüler nachmittags an der Schule. Doch während 130 das Tagesheim und 90 die Mittagsbetreuung besuchen, fanden sich nur 25 Erstklässler im gebundenen Ganztag. Fellner startet daher mit nur einer statt wie geplant zwei Ganztagsklassen.

Toiletten auf jedem Stockwerk als Luxus

Während die Erstklässler ganz neu an die Schule kommen, konnten die Zweit- bis Viertklässler, die in Sichtweite in einem Container untergebracht waren, mitverfolgen, wie ihre neue Schule entstand: Mensa, Küche und Kindergarten im Erdgeschoss, Schulverwaltung und zwei Einheiten mit jeweils vier Klassenzimmern, einem Teamraum und Zimmer für die Nachmittagsbetreuung im ersten Stock und Klassenzimmer sowie Fachleersäle im Obergeschoss. Jede Einheit hat eigene Toiletten. "Ein Luxus", sagt Fellner, den es an ihrer alten Schule so nicht gab. Eingerichtet wurde die Schule erst in den Sommerferien. Vor zwei Wochen noch fehlten Türen und Glasscheiben, hatten die Toiletten noch keine Trennwände. Die Räume für Rektorin und Konrektorin wurden gerade frisch gestrichen, in den Klassenzimmern standen die Stühle gestapelt. Jetzt aber sind die wichtigsten Arbeiten abgeschlossen. "Die Ausstattung hier ist wie von einem anderen Stern", sagt Fellner.

Alles ist neu. Tafel, Kreide und Schwamm gehören der Vergangenheit an, ebenso der Overhead-Projektor. In jedem Klassenzimmer hängen digitale Whiteboards, eine Dokumentenkamera projiziert Hefteinträge nach vorne. Lehrer erhalten eigene Laptops und Arbeitsplätze, eine Seltenheit an Münchner Schulen.

Im modernen Gebäude will Fellner die Klassen mischen. Erste und zweite sowie dritte und vierte Klassen lernen gemeinsam auf einem Stockwerk in den Lernhäusern; jedes Lernhaus mit vier Klassen bestimmt eine Leitung und ein Leitbild. Die Kinder dürfen es sich in ihrem Lernhaus gemütlich machen und es individuell gestalten. Fellners zweiter Lieblingsort ist der feuerrote Gang im Untergeschoss, der zur Turnhalle führt. Tafeln mit Kreide, wie von Wulf-Architekten aus Stuttgart vorgesehen, damit die Kinder auf dem Weg zum Sport malen können, wird es hier aber nicht geben. "Das geht sicher nicht gut", sagt Fellner. Auch das ist relativ neu im Münchner Schulbau: dass die Nutzer tatsächlich einbezogen werden.

© SZ vom 12.09.2017/libo
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema