bedeckt München 20°

Modellprojekt:Der Bedarf wächst

15 000 Menschen hat das Büro seit der Gründung 1996 bei der Rückkehr begleitet

Februar 1996. Nach fast vier Jahren endet die Belagerung von Sarajevo. Die Stadt liegt in Trümmern, mehr als zwei Millionen Menschen sind während des Bosnienkriegs geflohen. Auch in München leben 21 000 Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Nach Ende des Krieges beschließt die damalige Bundesregierung ziemlich schnell, Zehntausende Kriegsflüchtlinge wieder nach Bosnien-Herzegowina abzuschieben. Bayerns Innenminister Günther Beckstein kündigt an, dass 1997 insgesamt 20 000 Bosnier in ihre alte Heimat zurückkehren müssen. Der Münchner Stadtrat beschließt deshalb im Mai 1996, als humanitäres Gegenmodell zur rigiden Abschiebepraxis ein "Büro für Rückkehrhilfen" einzurichten.

Das Projekt, das ursprünglich nur für ein halbes Jahr bestehen sollte, hat sich seitdem zu einem Erfolgsmodell mit bundesweitem Vorbildcharakter entwickelt. Das kleine Team unter der Leitung von Marion Lich unterstützte die freiwilligen Rückkehrer nicht nur bei der Organisation und Finanzierung der Heimreisen und dem Transport der Möbel, sondern auch beim beruflichen Neuanfang in Bosnien-Herzegowina und bei der Vermittlung in Projekte zum Wiederaufbau des Landes.

Bereits ein Jahr später erhielt das Münchner Projekt, das auf Initiative von Wolfgang Kurreck, dem damaligen Leiters des Flüchtlingsamts, ins Leben gerufen worden war, erstmals Fördermittel der Europäischen Kommission, mit denen in Bosnien Menschen unterstützt wurden. Zugleich richteten die Münchner ein eigenes Spendenlager ein, mehr als einhundert Transporte mit Hilfsgütern fuhren in den folgenden Jahren nach Bosnien, Serbien und Kosovo. 1999 beschloss der Stadtrat, das städtische Beratungs- und Hilfsangebot auf alle Flüchtlinge und Asylsuchenden in München auszuweiten.

Um den Menschen, die oftmals nach vielen Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren, bereits in München zu helfen, bietet das "Büro für Rückkehrhilfen", das seit dem Jahr 2000 über das EU-Projekt "Coming Home" vom Europäischen Flüchtlingsfonds mitfinanziert wird, ein breites Angebot an Qualifizierungsmaßnahmen an. Es gab in der Vergangenheit Computerkurse, Näh- und Schneiderkurse sowie Existenzgründerseminare. Damit konnten sich die Menschen, die sich zur Rückkehr entschlossen hatten, schon in München fit machen für ein Leben in der Heimat. 2003 nahm sich der Freistaat das Münchner Modell zum Vorbild und führte ein bayernweites Rückkehrberatungssystem ein. Bis 2002 war München laut dem damaligen Sozialreferenten Friedrich Graffe "die einzige Kommune in Deutschland, die Beratung und Hilfe für Rückkehrer anbietet". Heute gibt es Rückkehrberatungen in Augsburg, Mühldorf, Deggendorf, Nürnberg und Würzburg. Die Münchner Beratungsstelle ist mittlerweile für ganz Südbayern zuständig.

Seit mittlerweile 13 Jahren fördern das Büro für Rückkehrhilfen und der Verein Empor orthopädische Werkstätten in Afghanistan, bis heute wurden zehn Container mit orthopädischen Hilfsmitteln in die Krisenregion geschickt. Es wurden aber auch Projekte in Burkina Faso und Kosovo unterstützt, zudem gab es Patenschaften, etwa mit der serbischen Stadt Subotica, die bis heute gepflegt werden.

Seit seinem Start hat das Büro für Rückkehrhilfen weit mehr als 15 000 Menschen bei der Rückkehr und der Reintegration in ihrer alten Heimat unterstützt. Allein im vorigen Jahr führte das siebenköpfige Team 1233 Beratungsgespräche mit Menschen, die Deutschland wieder verlassen wollen oder sollen. Dabei stieg der Bedarf an Beratungen zuletzt stark an. Die Zahl der Ausreisenden war 2015 fast vier Mal so hoch wie im Vorjahr: 665 Menschen, davon 421 Männer, kehrten 2015 mit Hilfe des Münchner Büros in ihre Heimatländer zurück.