Für was benötigt man eine große Wohnung? Wenn man tagsüber studiert, nachts im Lager schuftet – und nebenbei versucht, eine Karriere aufzubauen. David Springl, 28, kann sich an diese Zeiten noch gut erinnern, auch wenn er mittlerweile internationale Laufstege fotografiert. Er lebt trotzdem noch auf 24 Quadratmetern in München, gemeinsam mit seiner Freundin. In der Ecke stehen gerahmte Prints. Und natürlich seine Kamera. Eine Leica, klein, in einer Lederhülle. „Mir reicht das“, sagt er.

Vor einem Jahr war alles schnell getaktet. Klare, sich wiederholende Abläufe. Tagsüber studierte er Fotografie und versuchte sich nebenbei eine Karriere als selbständiger Fotograf aufzubauen. Nachts schleppte er Kisten im Lager der Post, um sich Leben und Studium zu finanzieren. Wie das funktioniert hat? „Ich konnte im Lager Schichtarbeit machen“, sagt er.

Doch immer dann, wenn er eine Schicht tauschte oder Urlaub einreichte, kam ein Fotoauftrag. Hier eine Nachtschicht, da ein kommerzieller Job als Fotograf, dann zu einer Vorlesung. Zwischendrin ging es ohne Einladung auf die Fashion Week nach Paris. „Man schleicht sich rein, benimmt sich wie ein Gast und fotografiert, was eben geht.“ Erst Paris. Dann weiter nach Mailand. Danach wieder zurück ins Lager. Wie David das grelle Licht im Lager gegen die Laufstege der Welt ausgetauscht hat? Mit harter Arbeit, die sich gar nicht so hart für ihn anfühlt.

„Irgendwann habe ich die körperlichen Auswirkungen gemerkt“, sagt er. Er entscheidet sich, sich ganz auf die Fotografie zu konzentrieren. Weil es „das Einzige ist, das Sinn macht“. Dann ging es schnell. „Auf einmal kriege ich eine Einladung zur Fashion Week“, erzählt er, seine Augen werden größer. Erst Paris. Dann weiter nach Mailand. Jemand hatte seine Bilder gesehen. Ein fester Platz wurde ihm zugewiesen, Zugang zum Backstage-Bereich.

Dass er seinen eigenen Stil gefunden hat, hört David oft. Starke Blicke, wenig Farbe, etwas Futuristisches. „Dabei habe ich nie danach gesucht“, sagt er mit einem Lächeln. „So funktioniert mein Kopf einfach.“ Meistens fängt es mit einem Kleidungsstück an. Er zeigt einen seiner Prints: Ein Model trägt eine hautenge Jacke von Rick Owens. Dann kam er auf die Idee, mit einer Strumpfhose zu kombinieren, wie eine zweite Haut. „Ein bisschen wir ein Alien“, sagt er. Vor einer Steinwand, Gras als Untergrund, fast surreal, wie in einem Videospiel. Er baut Geschichten um die Mode herum. Was in seinem Kopf als Idee anfängt, endet heute am Set mit Haar und Make-up-Artisten, Kostümbildnern und Lichttechnikern. Und dann mit dem Auslöser seiner Kamera.

Er hält seine Leica in der Hand, dreht an den zwei Rädern. Die Kamera hat er sich durch seine Schichten im Lager angespart. Er bedient sie komplett manuell. Belichtung, Blende, Fokus. Damals war er oft im Leica-Store in München. Ist reingegangen, hat sich Kameras zum Testen ausgeliehen. Von März an verkauft er dort sein eigenes Fotografie-Buch, das er für seine Bachelorarbeit erstellt hat. „Da bin ich richtig stolz drauf“, sagt er und lächelt.
