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Modedesign:Wie eine frühere Medizinstudentin Magersüchtigen helfen will

München: Stoffe, Spiegel und Schuhe:  Aline Mossmann ist 24 und hat ihr sicheres Medizinstudium aufgegeben, um sich an der renommierten Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen zu bewerben, um dort Fashion Design zu studieren

Das Markenzeichen von Aline Mossmann: dunkler Lippenstift. Ihre Mode: schlicht - aber mit einer großen Botschaft.

(Foto: Stefanie Preuin)

Aline Mossmann bewirbt sich an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen - mit einer Kollektion, die Magersucht thematisiert.

Es ist ein kalter Tag im Dezember. Die Kunden im Bastelladen tragen warme Wintermäntel und schwarze Wollmützen. Als Aline Mossmann, 24, das Geschäft betritt, drehen sich einige Menschen um und beobachten sie, manche tuscheln sogar: Sie trägt einen Vintage-Militäroverall mit Tarnmuster, kombiniert dazu schwarz-weiß-rote High Heels und trägt dabei grünen Lippenstift und violetten Lidschatten.

Mittlerweile fällt ihr nicht mehr auf, wenn sie beobachtet wird: "Wenn die Leute einen ständig anstarren, blendet man die Blicke irgendwann aus", sagt sie. Aline zuckt mit den Schultern, während sie das sagt. Sie läuft durch die Regale und besorgt sich Gips. Den braucht sie, um eine Jacke für Ana zu designen. Ana soll ihre Modelinie heißen, angelehnt an den Begriff Anorexie. Denn so ungewöhnlich ihr Kleidungsstil ist, so ungewöhnlich ist auch die Kleidung, die sie designt: Sie entwirft eine Linie, die ein vor allem in der Modewelt sensibles Thema behandelt: Magersucht.

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In Alines engstem Freundeskreis gibt es viele, die ein gestörtes Verhältnis zum Essen haben, unter anderem ist auch ihre beste Freundin erkrankt. "Ich habe den Verlauf der Krankheit hautnah mitbekommen", sagt sie. Gleichzeitig habe sie genug Abstand, damit auch Außenstehende ihre Idee der Kollektion verstehen können.

Den Esstisch in ihrer Wohnung zieren drei Topfpflanzen, an der Wand hängen erste Skizzen, wie ihre Kollektion ausschauen könnte. Ihre Kleidungsstücke fallen eher schlicht aus. Sind sie farbenfroh, steht das für die Zeit, bevor junge Menschen in die Magersucht reinrutschen. Bei manchen Teilen verblassen die Farben den Ärmel oder den Rock entlang. Ist ein Kleidungsstück komplett weiß, symbolisiere das, sagt Aline, ein schlimmes Krankheitsbild.

Mit dem Nähen hat sie erst vor einem Jahr begonnen, sie hat es sich selbst beigebracht. Vergangenen Sommer hat Aline ihr Medizinstudium aufgegeben, um sich an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen zu bewerben - für die Aufnahmeprüfung entwickelt sie gerade ihre Magersucht-Kollektion. Mode statt Medizin? Eigene Kollektion statt weißer Kittel. Sie war enttäuscht vom Studium: "Ich habe mit Medizin angefangen, weil ich Menschen helfen wollte", sagt sie. Im Studium sei es aber nur darum gegangen, wie der Körper funktioniert, aber nicht, wie es in dem Menschen aussieht.

"Es ist nicht schlimm, dass du krank bist"

Als Aline mit Patienten zu tun hatte, hat sie bemerkt, dass viele lange nicht zum Arzt oder zum Psychologen gehen, um sich helfen zu lassen. Gleiches hat sie bei ihren magersüchtigen Freundinnen bemerkt - ihnen will sie mit ihrer Kollektion eine Stimme geben und damit ausdrücken: "Hey, du bist nicht alleine damit und ich verstehe dich. Es ist nicht schlimm, dass du krank bist." Die Menschen sollen merken, was es heißt, magersüchtig zu sein. Die Kollektion ist keineswegs nur für magersüchtige, sondern für alle. Aline möchte damit ein Tabu in der Modewelt brechen. "Mode hat eine hohe Reichweite und kann daher mehr bewirken", sagt sie.

Mode hat sich eher spät zu Alines Leidenschaft entwickelt: "Ich war nie eine, die schon von klein auf wusste, dass sie Modedesignerin werden möchte, oder die, die Kleidung ihrer Mutter getragen hat." Sie fiel jedoch immer auf, indem sie in der Schule Baggy Pants und Wanderstiefel getragen hat. Erst im Laufe ihres Studiums hat sie gemerkt, wie viel Spaß es ihr macht, mithilfe von auffälligen Klamotten und buntem Make-up ihren Gefühlszustand auszudrücken: "Du kannst mit Mode allen zeigen, wenn es dir schlecht geht oder du dich wie ein rosa Einhorn fühlst."

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