„Florals? For Spring? Groundbreaking.“ Bereits vor 20 Jahren kommentierte Miranda Priestly in „The Devil Wears Prada“ die alljährlich wiederkommende Problematik in der Modewelt. Blumen und Blüten passen zwar thematisch gut zum Frühling, werden aber irgendwann auch etwas langweilig. Die Schülerinnen und Schüler im Abschlussjahr der Städtischen Fachschule für Modellistik der Deutschen Meisterschule für Mode interpretieren Blumen und Pflanzen in ihrer Abschlusskollektion „Body of Light“ neu, und zeigen ihre Designs bei einer Modenschau im Botanischen Garten. Die Thematik liege in der Luft, meint Roland Müller-Neumeister, der künstlerische Leiter der Modenschau. „Botanische Lebewesen leben vom Licht und sammeln das Licht für uns, und wir sind die Körper, die von diesem Licht leben“, so Müller-Neumeister.
Gemeint ist damit die Sauerstoffproduktion durch die Fotosynthese von Pflanzen. Die Abschlussklasse hat sich eingehend mit unterschiedlichen Aspekten der Botanik beschäftigt. So ließ sich Claudia Kneißl von einem Blick ins Labor inspirieren. Sie hat sich Laborproben verschiedener Pflanzen angesehen, deren genetische Codes dann mittels computergestützter Analysen in Farbcodes übersetzt wurden. Diese Farbcodes wiederum hat sie auf ein Kunststoffmaterial gedruckt und per Hand Pailletten für eine Tunika, die an einen Laborkittel angelehnt ist, gefertigt. Zu dem Outfit gehört auch noch ein bordeauxfarbenes Kleid aus handplissiertem Organza, das sich wie ein Blütenblatt bewegen soll.

Doch nicht nur der wissenschaftliche Aspekt wird in den Designs thematisiert, sondern auch die verschiedene Figuren aus der Historie der Botanik dienen als Inspirationsquelle. Dazu gehören etwa Maria Sybilla Merian, die als eine der ersten Forscherinnen systematisch Insekten beobachtete, oder auch die Französin Jeanne Barret. Sie gilt als die erste Frau, die die Welt umsegelte und hat mehr als 600 Pflanzenarten auf Mauritius zusammen mit ihrem Partner gesammelt. Allerdings musste Barret sich als Mann verkleiden, um an der Expedition teilnehmen zu können. So stellt sie ein Testimonial für androgyne und genderfluide Mode dar, und bietet eine starke Emanzipationsgeschichte. Daran orientiert sich das Design von Katharina Kohlschovky, das aus reliefartiger Steppjacke und braunen Bloomer-Hose aus Woll Crêpe besteht. Es soll an die Kleidung von Forschungsreisenden im 18. und 19. Jahrhundert erinnern, die etwas von einer Uniform hat.
Anerkennung für der Hände Werk
Ebenfalls von Forschenden inspirieren ließ sich der Schüler Jonas Dworsky. Seine Kreation erinnert an einen Entdecker im Dschungel, der sich durch das Dickicht schlägt. Das hellbraune Hemd aus Baumwollgaze ist mit dunklen Makramee-Elementen versehen, die an Wurzeln oder Flechten erinnern, und über den Abenteurer zu wuchern scheint. Dazu gehört ein Multifunktionssakko, das sich wie eine Jacke tragen lässt, aber auch wie ein Rucksack umgehängt werden kann. Außerdem fertigte Dworksy eine dazugehörige Anzughose aus Baumwollsatin, den er selbst so präparierte, dass die Oberfläche an Palmwedel erinnern.

Einen praktischen Aspekt behandelt Clara Harke, die sich an historischen Gewächshäusern orientiert hat. Der Organza-Body besteht aus vielen kleinen Medaillons mit getrockneten Blütenblättern darin – „fast schon wie ein kleines Gewächshaus“, so Müller-Neumeister. Der ausgestellte Rock ist aus einem Gittermotiv geformt und erinnert an die Giebel und Kuppeln eines Gewächshauses.
Die Kollektion ist von Details und aufwendiger Handarbeit geprägt. „Das sind Dinge, die sieht man natürlich nur von Nahem“, so Müller-Neumeister. Deswegen findet die Präsentation der Outfits heuer auch in einem anderen Format statt. Anstelle einer klassischen Modenschau mit Laufsteg, soll es eine Werkschau werden. Die Models laufen nicht erhöht, sondern ebenerdig, nah am Publikum, sodass man die Stickereien, Drucke und Verzierungen genau in Augenschein nehmen kann. Zudem sollen auch die Designerinnen und Designer anwesend sein, und von ihren Kreationen erzählen.

Die gefertigten Kleidungsstücke bestehen nicht nur aus Naturmaterialien wie Baumwolle oder Leinen, sondern auch aus Kunststoffen. Dass bei einer botanisch-angehauchten Modenschau auch synthetische Stoffe verwendet werden, sei laut Müller-Neumeister kein Widerspruch. „Inzwischen gibt es viele Kunststoffe, die auf Pflanzenbasis hergestellt sind, die aus Kohlenhydraten und Proteinen bestehen, und sogar verwesen können“, sagt er. Kunststoffe seien teilweise ökologisch sogar verträglicher als Bio-Baumwolle: 10 000 Liter Wasser pro Kilogramm Baumwoll-Stoff – damit steht sie an der Spitze der Wasserverbraucher unter den Stoffen.
Body of Light, Deutschen Meisterschule für Mode, 13. Juni, 13 Uhr und 15 Uhr (jeweils 30 Minuten), Botanischer Garten München-Nymphenburg; Abschlussveranstaltung mit drei Modenschauen: 23./24. Juli, Bergson Kunstkraftwerk, Aubing

