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Mode in München:Der Style der Stadt

Lea bei der Arbeit. Demnächst wird sie ihre Abschlusskollektion abgeben. Sie entwirft Skikleidung.

(Foto: Robert Haas)

Lea Gutsch entwirft Mode, die zu München passt. Auch ihre Sportkleidung hat ein besonderes Design

Von Anna-Sophia Lang

Wenn Lea Gutsch durch die Straßen geht, drehen sich die Leute nach ihr um. Nicht, weil sie schrille Farben trägt oder eine abgefahrene Frisur. Das ist nicht ihr Ding. "Ich will mit dezenter Raffinesse rausstechen", sagt sie. Ein hellblauer, gerade geschnittener Mantel, weiße Chinos, silberne Sandaletten: So sieht ihr typisches Stadtoutfit aus. Auffallen auf Münchnerisch.

Lea ist 24 und voll im Prüfungsstress. Sie hat eine dreijährige Ausbildung zur Kommunikationsdesignerin mit Schwerpunkt Mode an der Designschule München gemacht und sich dann für eine Weiterbildung im Bereich Entwurf entschieden. In diesem Sommer steht der Abschluss an. Dann ist sie staatlich geprüfte Modellmacherin. Mittwochnachmittag in der Schule, zweiter Stock, Raum 205: Lea sitzt an der Nähmaschine, draußen strömen Touristen durch die Sendlinger Straße. Die Münchner machen sich auf in den Feierabend. Lea bekommt davon nichts mit. Sie hat das Muster für eine Skihose auf Papier gezeichnet, Stoffe zugeschnitten, in blau und grau. Nur noch zwei Wochen hat sie, dann muss ihre Abschlusskollektion fertig sein.

Macht nichts: Lea hält beide Enden des Maßbandes, das um ihren Hals hängt, mit den Händen fest. Die Haare sind mit Klammern festgesteckt, sie trägt silberne Pantoletten und ein weißes Kleid. Es ist eines ihrer Lieblingsstücke. Grafisch, zurückhaltend, mit schönen Schnittdetails. "Es lenkt nicht von mir ab." So muss Mode für sie sein. Nicht nur eine tragbare Hülle. Es geht um den Menschen, der drinsteckt. Den soll sie unterstützen. In seiner Persönlichkeit, in seinem Alltag. Lea will intelligente Mode machen. Lea entwirft Skikleidung, die auf der Piste und im Alltag tragbar sein soll. "Das bunte Gedöns, was man auf dem Berg sieht, hat selten einen modischen Anspruch."

Sportmode hat sie schon immer gereizt. Wegen der besonderen Stoffe, der Ansprüche an Form und Funktion, und der Suche nach dem modischen Aspekt. Der Knackpunkt war die Sportmesse Performance Days im Frühjahr, an der sie mit ihrer Schule teilnahm. Als sich wenig später ein bekannter Freeski-Fahrer auf der Suche nach einem individuellen Outfit an die Schulleitung wandte, fiel die Wahl auf Lea. Sie sagte sofort zu. So entstand ihre Abschlusskollektion. Drei Teile für Männer, drei für Frauen. Aus atmungsaktiven Stoffen und mit intelligentem Schnitt. Der Knieschutz ist modisch integriert, die Reißverschlüsse sind hinter abnehmbaren Elementen versteckt. Noch sehen die Stücke sehr nach Laufsteg aus. "Mit einfachen Mitteln könnte man sie funktional machen", sagt Lea.

Bei dem Künstler Ólafur Elíasson holte sie sich Inspiration. Der Däne arbeitet mit Licht, Glas und optischer Täuschung. Lea will ihre Skikleidung mit der Umgebung harmonieren lassen. In den Bergen vor allem farblich, grau, blau, mit reflektierenden Stellen. In der Stadt architektonisch, grafischen Linien folgend. München passt zu ihrer Mode, findet sie. Eine Sportstadt, und die Berge sind ganz nah. Ob sie nach dem Abschluss bleibt, weiß sie trotzdem nicht. Veränderung würde ihr guttun. "Erst woanders merkt man, was charakterlicher Kern ist und was von außen kommt." Bis sie 14 war, hat sie in Berlin gelebt, später eine Weile in Oslo. Wenn sie heute nach Berlin fährt, packt sie andere Sachen ein als die, die sie in München trägt. Ein altes Batman-Shirt, eine hoch geschnittene Hose mit Löchern und Doc Martens. Wäre sie in Berlin geblieben, glaubt Lea, würden ihre Entwürfe heute anders aussehen. Nicht grundlegend. Aber die Details wären urbaner, statt einem Jackett-Revers ein politischer Schriftzug.

Wenn Berlin ein Kleidungsstück wäre, dann ein Hoodie, findet sie. München wäre ein Trenchcoat.

© SZ vom 23.07.2016
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