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Mode:Exotisches Früchtchen

Die Labelgründer Vinzenz Johow (links) und Andi Bernhard sind vor zwei Jahren auf die Kapokfrucht gestoßen, die sie nun als Jackenfutter verarbeiten.

(Foto: Robert Haas)

Das Münchner Label "Thokk Thokk" verwendet für seine Jacken Kapokpflanzen statt Daunen

Zur ersten Begegnung mit der Kapokfrucht kam es vor zwei Jahren auf der Munich Fabric Start, der großen Münchner Stoffmesse: Da lag sie an einem Stand, fast so lang wie eine Banane, aber braun und nicht gelb. Noch erstaunlicher war jedoch ihr Innenleben: weiße Fasern, flauschig wie Watte. Warme, weiche Watte.

Heute füttern Andi Bernhard und Vinzenz Johow vom Label Thokk Thokk ihre Winterjacken mit den Fasern der exotischen Frucht, als erstes deutsches Label überhaupt, wie sie sagen. In den Räumen der Münchner Firma in einem Bürokomplex hinter dem Ostbahnhof hängt die neue Kollektion an den Stangen. Außen bestehen die Mäntel, Anoraks, Parkas und Westen aus recycelten Nylonnetzen taiwanesischer Fischer, für das Innenfutter werden die kurzen Fasern der Kapokfrucht mit recycelten Plastikflaschen zu einem Fleece verarbeitet. "Das ist ein Ersatz für Daunen", sagt Bernhard, der Betriebsleiter des Labels. Deren Produktion sei eine hässliche Industrie, denn um an die unterste Federschicht zu gelangen, würden die Vögel oft bei lebendigem Leib gerupft.

Zu der exotischen Kapokfrucht lässt sich natürlich eine werbetauglichere Geschichte erzählen: Schon die Mayas in Mittelamerika verehrten den Kapokbaum nämlich als Baum des Lebens. Er benötigt wenig Wasser, wächst auch in steilem Gelände und kommt obendrein ohne Pestizide aus. Und weil die Schoten den Tieren nicht schmecken, wie Bernhard erklärt, werde durch die Ernte also auch niemandem etwas weggenommen. Alles in allem passt der exotische Baum also gut zur Ausrichtung der Münchner Modefirma mit den sieben Mitarbeitern. Deren Inhaber Vinzenz Johow hat sich nämlich verhältnismäßig früh Gedanken über alternative Ansätze in der Mode gemacht. Der Münchner gründete das Label 2008, nachdem er einen Siebdruckkurs belegt und spaßeshalber damit angefangen hatte, T-Shirts mit grafischen Mustern zu bedrucken. Die waren witzig und ausgefallen, das eigentlich Ungewöhnliche an Thokk Thokk ist aber, dass Johow schon vor zehn Jahren mit Biobaumwolle gearbeitet hat. Die gehört inzwischen selbst bei vielen großen Modefirmen zum guten Ton. Damals aber war es schwierig, an solche Shirts zu kommen, die ersten kaufte Johow beim Label American Apparel ein, ehe er sie bedruckte.

Inzwischen führen nicht mehr nur Shirts, sondern auch Unterwäsche, Socken, Pullover und nun eben noch Jacken den Namen des Münchner Labels im Etikett. Die Kapokjacken werden in China gefertigt, die Socken in Tschechien, der Rest im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, wo auch die Baumwolle für den Stoff wächst. Indien? Es ist kein Geheimnis, dass die Produktionskosten in vielen asiatischen Ländern einen Bruchteil dessen betragen, was in Deutschland dafür anfiele. Die Betriebstätten von Thokk Thokk trügen allerdings das GOTS-Siegel (Globale Organic Textile Standard). Und das definiert nicht nur umweltverträgliche Anforderungen in der Produktion, sondern auch die Einhaltung von sozialen Kriterien. Das Einkommen der Arbeiter etwa liege über dem Mindestlohn im Land. Zugleich sagt der Unternehmer aber ganz offen: Er habe das Label ohne "externe Finanzierung" aufgebaut. Da brauche man entsprechende Preise, um wirtschaftlich zu arbeiten.

Gutes lässt sich mit der Kapokfrucht aber tatsächlich tun: Für jede verkaufte Jacke pflanzt Thokk Thokk über die mexikanische Kinder- und Jugendinitiative "Plant for the Planet" einen Baum. Auch von der Kapokfaser, bislang vor allem als Kissenfüllung bekannt, dürfte man vermutlich noch einiges hören: Angeblich, erzählt Bernhard, sei seinerzeit auf der Munich Fabric Start sogar ein bekannter Sportartikelhersteller recht angetan gewesen von dem ungewöhnlichen Material. Als kleines Label dürfte Thokk Thokk, die für den Sommer bereits eine Kollektion an Kapok-Shirts geplant haben, da im Vorteil sein: Häufig brauchen große Unternehmen ja etwas länger, bis sie eine Idee umgesetzt haben.

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