Mode des Diktators Wann Hitler doch zu Stresemann-Hosen griff

Nur in einer kurzen Phase gleicht sich Hitler dem Dresscode der vor ihm - in der Republik - mächtigen Männer an. Zu und kurz nach seiner Vereidigung als Reichskanzler sieht man ihn auf den Titelseiten der Gazetten im alten Stil: mit Cut und gestreiften Stresemann-Hosen. Esther Sünderhauf hat entsprechende Aufnahmen sogar in "dem" Männermode-Magazin der damaligen Zeit gefunden. Das Herren Journal druckte damals ein Bild von Hitler und seinem Vizekanzler von Papen in Frack und Zylinder, unter der Überschrift: "Die Reichsregierung hält auf Etikette". Nach Mitte Februar 1933 ward er live nie mehr in dieser Art Schafspelz zu sehen.

Wie sehr Hitler bis dahin Mühe darauf verwendet hatte, "eine neue Zeit zu signalisieren", so Sünderhauf, verdeutlicht ein Blick auf Hitlers berühmte Accessoires. "Hitler wollte damit Mode machen." Mit seinem Zweifinger-Bart zum Beispiel, den ebenfalls schon englische Offiziere im Ersten Weltkrieg trugen - und Charlie Chaplin seit 1917.

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Hitler lies sich dieses Bärtchen schon sehr früh stehen, wohl seit 1919. "Geläufig als Mode wurde es aber erst um 1922", erklärt Sünderhauf. Diese auch despektierlich "Popelbremse" genannte Extravaganz war das exakte Gegenteil der Bartmode der Kaiserzeit mit den aufgezwirbelten Enden. Dabei hatte Hitler ein Freund der ersten Münchner Jahre und späterer Auslandspressechef der NSDAP, Ernst Hanfstaengl, vor dieser Oberlippentracht gewarnt: "Ihr Bart in seiner jetzigen Form ist geradezu eine Herausforderung an Karikaturisten. In Ihrem Fall würde sich, meiner bescheidenen Meinung nach, ein Van-Dyck-Bart besser eignen."

Hundepeitsche als Markenzeichen

Weniger beratungsresistent zeigte sich Hitler bei der Münchner Verlegersgattin Elsa Bruckmann und Helene Bechstein, die Hitler stets ihr "Wölfchen" nannte. Beide statteten ihn nicht nur mit eleganter Abendgarderobe aus und brachten ihm mancherlei Manieren bei. Jede der Damen schenkte ihm eine Hundepeitsche.

Ein Insignium aus schwarzem Nilpferdleder, das Hitler gut zehn lang Jahre als Markenzeichen trug. Esther Sünderhauf verweist darauf, dass Hitler in all dieser Zeit nie einen Hund besessen habe. Dieser Fetisch spiegelte nicht nur seinen eiskalten, kapriziösen Charakter wider. Die Peitsche, glaubt Sünderhauf, sei vielmehr Symbol für seinen Entschluss gewesen, seiner Welt das vermeintlich "Böse" auszutreiben.

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Nationalsozialismus

Wie Hitler an die Macht kam

Am 30. Januar 1933 Jahren ist Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen worden. Aufnahmen dokumentieren den Beginn der nationalsozialistischen Tyrannei, die in Krieg und Völkermord endete.

Warum Hitlers Äußeres bislang trotzdem nie systematisch betrachtet worden ist, erklärt Barbara Vinken, Professorin an der LMU und derzeit die wichtigste deutsche Mode-Denkerin: "Vermutlich liegt es daran, dass es schwer fällt, Fragen der Eleganz und Leichtigkeit, auch des Stils und der Perfektion, wie es modische Fragen nun mal sind, mit jemandem in Verbindung zu bringen, der in vollkommener Verworfenheit Leichenberge um sich herum aufgehäuft hat." Interessant ist diese Perspektive trotzdem. Denn selbst wer sich der Erkenntnis verschließen will, dass Hitlers Erscheinungsbild die Welt mitgeprägt hat, der muss erkennen: Sein Weltbild hat die Mode mitgeprägt. Zumindest die von damals.

Hitlers Dress Code 1889-1945. Rollenspiel und Bedeutung, Vortrag von Esther Sophia Sünderhauf, Mittwoch, 9. Dezember, 18 Uhr, im Münchner Stadtmuseum, die Ausstellung "Gretchen mag's mondän - Damenmode der 1930er-Jahre" ist an diesem Tag bis 20 Uhr geöffnet.

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