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Mode:Aufgeben ist keine Option

München gilt als hartes Pflaster für Modeschaffende - und die Corona-Pandemie hat die Probleme noch verschärft. Doch die Krise könnte auch Positives bringen

Eigentlich hätten Theresa Reiter und Katharina Weber an einem dieser ersten sonnigen Frühlingstage ihre neue Kollektion gefeiert, es hätte Sekt und Häppchen gegeben, und die Münchnerinnen hätten in dem kleinen Laden an der Klenzestraße einen Blick werfen können auf den neuen Jumpsuit und das Kimonotop aus gekreppter Seide. Sie hätten vielleicht diskutiert, ob die Farben Salbeigrün und Korallenrot einer blonden oder einer brünetten Frau besser stehen. Und am Ende des Tages hätten Weber und Reiter, die unter dem Label "We.re" Mode ohne Firlefanz im Design entwerfen, wahrscheinlich auch einige Teile verkauft. "Der Laden ist unsere Haupteinnahmequelle", sagt Reiter. Und dass der nun schon seit Mitte März geschlossen ist, sie aber dennoch offene Rechnungen und Miete bezahlen müssen, das sei natürlich dramatisch.

Um zu begreifen, wie dramatisch sich die Maßnahmen gegen das Coronavirus auf die Modebranche auswirken, genügt ein Gang durch die Stadt. Die Geschäfte sind geschlossen, die Kaufingerstraße nahezu menschenleer, in Haidhausen hat ein Boutiquenbesitzer ein Plakat an die Scheibe geklebt: Bitte, ist dort zu lesen, bitte rufen Sie uns an, wenn ihnen ein Kleidungsstück aus dem Schaufenster gefällt. Ein Hilferuf. Und ein anschauliches Beispiel dafür, wie groß offenbar die Angst ist, auf der eingekauften Ware sitzen zu bleiben. Erste Rückschläge musste die Branche bereits hinnehmen: Die Modemarke Esprit und die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof haben Schutzschirmverfahren nach dem Insolvenzrecht angemeldet, das sie vor den Forderungen der Gläubiger bewahren soll. Der Onlinehändler Zalando, der erfolgreich ins Jahr 2020 gestartet ist, musste seine Umsatzprognose für das erste Quartal ebenfalls deutlich nach unten korrigieren.

Carl Warkentin von Monaco Duck musste sein Geschäft schließen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverbands Bayern, der sonst stets auch Gutes zu sagen hat über München als Modestadt, klingt wenig optimistisch. "Ich befürchte, dass es spätestens Anfang Mai die ersten Pleiten geben wird." Die Pandemie hat die Schwierigkeiten in der Mode zwar zweifelsohne verschlimmert, ausgelöst hat sie diese aber nicht.

Die Konkurrenz durch den Onlinehandel, die Übermacht der großen Ketten in der Innenstadt, das gab es schon vor Corona, und weil der vergangene Winter so mild war, gestaltete sich das Weihnachtsgeschäft auch nicht sonderlich einträglich. Überhaupt: München gilt als hartes Pflaster für Modeschaffende, allein schon wegen der gesalzenen Mieten. Da mag man sich gar nicht ausmalen, wie viele Designer in diesen Tagen in ihren Ateliers um ihre Existenz kämpfen, irgendwie zu überleben versuchen, indem sie einfach weitermachen. "Als Kleinunternehmen ist es schwierig, große Rücklagen zu bilden", sagt Johannes Weidl, Referent für Selbstständige und Kleinunternehmen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in München. Viele versuchten, sich online zu behelfen, doch oftmals ließe sich das Geschäft nicht auf die Schnelle verlagern. Dass aber auch das Internet nicht vor einem coronabedingten Kollateralschaden schützt, das musste man bei ThokkThokk erfahren. Das Münchner Label erwirtschaftet einen großen Teil seiner Einnahmen im Netz: "Doch am ersten Wochenende des Lockdowns sind die Umsätze online dramatisch eingebrochen. Da hatten wir Verluste bis zu 70 Prozent", sagt Geschäftsführerin Verena Paul-Benz. Carl Warkentin vom Münchner Schuhlabel Monaco Duck rechnet damit, dass ihn Corona um 25 Prozent seiner Einnahmen im Einzelhandel bringen wird. Und Arnold Gevers? Der musste die Unterstützer der Crowdfundingkampagne, mit der er die Zero-Waste-Produktion seines Labels AA Gold anschieben möchte, nun bitten, noch etwas auf die bestellten Shirts, Hemden und Hosen zu warten, weil der Textilbetrieb in Rumänien "sehr kurzfristig" geschlossen wurde. "Das ist natürlich schade", sagt Gevers, der außerdem Professor für Modedesign ist und an der Akademie für Mode & Design (AMD) in München unterrichtet.

Wie so viele hofft auch Daniel Wingate, dass die Leute wieder Lust auf Shopping haben werden, wenn das alles überstanden ist. Doch der frühere Chefdesigner des Aschheimer Luxuslabels Escada spricht auch eine unschöne Entwicklung an, als er aus Florida anruft: nämlich dass die Mode nun schon seit einigen Jahren mit Reisen oder dem neusten Smartphone um die Gunst des Konsumenten konkurrieren muss. Seit 2017 entwirft der gebürtige US-Amerikaner mit seinem Label Wingate Collection Mode für Frauen, die zu ihren Kurven stehen. Er lebt und arbeitet in München, die USA sind für ihn aber ein wichtiger Markt. Anfang März sei er "in Panik" in die Vereinigten Staaten geflogen, um wenigstens noch einige seiner Kundenevents abhalten zu können - die meisten fielen aus. Geschlossene Läden und abgesagte Veranstaltungen sind das eine. Corona stört aber auch die Abläufe der Mode, die in ihrer Arbeitsweise ja auf die Zukunft ausgerichtet ist: Normalerweise würden sich in diesen Tagen viele Labels auf die Messen im Sommer vorbereiten, auf denen sie ihre Entwürfe für das darauffolgende Jahr vorstellen. Es würden Models und Fotografen gebucht, vielleicht hätte das Shooting sogar ins Ausland geführt. Alles Dinge, die wegen der Schutzmaßnahmen gerade nicht möglich sind.

Katharina Weber und Theresa Reiter von "We.re." machen unter anderem unterbrochene Lieferketten zu schaffen.

(Foto: Frank Stolle)

Das Virus durchschneidet Lieferketten und wirft jedwede Planung über den Haufen, das spürt Eva Maskow, die unter dem Namen "Too hot to hide" Socken und Strumpfhosen vertreibt. Sie arbeitet mit einer Produktionsstätte in Norditalien zusammen, doch die wurde geschlossen, und es ist unklar, wann der Betrieb wieder aufgenommen wird. Ihre Sommerware habe sie noch erhalten, zum Glück. Spätestens in einem Monat müsste sie aber die neue Kollektion in Auftrag geben. Knapp 100 Läden in Deutschland, Österreich und der Schweiz beliefert Maskow mit ihren Strumpfhosen und Socken. Pfiffige Artikel, die man gerne eben mal mitnimmt. Doch welche Menge sie diesmal fertigen lassen soll, das hängt natürlich auch damit zusammen, wie viel der Handel ihr abnehmen wird. Eine schwierige Situation, für alle Beteiligten, sagt sie.

Die Branche reagiert darauf mit einer respektablen Welle der Solidarität, die die sozialen Medien in diesen Tagen flutet: Groß hilft Klein, Klein aber auch Groß, Hauptsache #supportyourlocal. Auch Eva Maskow kennt diverse Plattformen, auf denen man sich vernetzen und gegenseitig unterstützen kann. "Wir versuchen innovativ zu sein und Gas zu geben", sagt auch Carl Warkentin von Monaco Duck. Zum Beispiel macht er auf Instagram oder Whatsapp auf Händler aufmerksam, die sich mit diesen Formen des Marketings nicht so gut auskennen. Kommt ihm ja letztlich auch zugute, wenn der Kunde in eben diesem Geschäft dann seine Schuhe entdeckt. Irgendwann, wenn alles vorbei ist.

Eva Maskow von "Too hot to hide" hat mit Umsatzeinbußen zu kämpfen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch Theresa Reiter und Katharina Weber nutzen die Zwangspause im Verkauf, um sich mit den sozialen Medien vertrauter zu machen als bisher. Und sie arbeiten weiterhin jeden Tag an ihren Entwürfen, wie sonst auch, nur eben mit dem gebotenen Mindestabstand. Verena Paul-Benz von Thokkthokk ist gerade erst Mutter geworden, doch die Krise lässt ihr keine Ruhe. "Die Textilwirtschaft ist teils so eng ineinander verflochten, und auch ihre Lieferketten sind so fragil", sagt sie. Beispiel Jeans: Selbst wenn eine Näherei noch arbeite, könne die Hose nicht fertigt gestellt werden, solange die Größenetiketten aus China fehlten. Carl Warkentin und sein Geschäftspartner Julian Hermsdorf lassen in drei kleinen Manufakturen in den italienischen Marken fertigen.

Einen großen Teil ihrer Ware hätten sie noch erhalten, berichtet Warkentin; auch seien Schuhe anders als ein Bikini oder ein dicker Pullover ein Produkt, das man das ganze Jahr verkaufen könne. "Das ist ein Vorteil", sagt er und hebt die Stimme. Man spürt, wie sehr er an seine handgenähten Schuhe aus bayerischem Loden glaubt. Und dass er hofft, die Münchner würden in der Krise den Wert des Lokalen besser begreifen. Mehr noch, als sie es heute tun.

Und tatsächlich: Die Corona-Krise setzt auch Kreativität frei und beschleunigt Debatten. So lebt zum Beispiel in diesen Tagen die alte Frage auf, ob sich der straffe Takt des Modejahres mit seinen ganzen Messen und Bestellterminen und der unübersichtlichen Zahl an Kollektionen und Zwischenkollektionen so überhaupt aufrecht erhalten lässt.

Die Corona-Krise habe den Rhythmus der Branche total durcheinandergebracht, sagt Arnold Gevers von der AMD. Und Verena Paul-Benz von ThokkThokk kann dem sogar Positives abgewinnen: "Das könnte auch eine Chance sein, wieder zu gesunden Zyklen in der Mode zurückzukehren." Zwei Saisonen, eine für den Winter und eine für den Sommer, so wie es früher war. Mit weniger Druck für die Designer, weniger Ware, und weniger Überschuss in der Produktion. Daniel Wingate würde das gefallen. Er findet das System schon lange überholt, und er konzentriert sich auf zwei Kollektionen mit jeweils rund 50 Teilen. Reiche völlig aus.

Natürlich, sagt der Designer unvermittelt, mache auch er sich Sorgen, wie es weitergeht. Er lenke sich ab von schlechten Gedanken, schreibe Händler an, pflege Kontakte, arbeite an seinen Entwürfen. Denn wenn die Geschäfte irgendwann wieder anlaufen, will er vorbereitet sein.

© SZ vom 25.04.2020

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