Kammerorchester:Selbstbewusst in die Zukunft

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Das Münchener Kammerorchester verzichtet auf einen Chefdirigenten - und hat dafür nun drei "Associated Conductors".

Von Egbert Tholl, München

Das erste Treffen, erzählt Jörg Widmann, habe sechs Stunden gedauert. Jörg Widmann ist Komponist, Klarinettist und Dirigent, außerdem bekleidet er in Berlin auch noch einen Lehrstuhl für Komposition. Der Mann ist also gut beschäftigt, aber fürs Münchener Kammerorchester (MKO) hatte er Zeit. Es ging in jenem Gespräch auch schließlich um die Zukunft. Nicht nur um die eines Orchesters, das bestens in Schuss ist. Nein, vielleicht ging es überhaupt darum, wie man in Zukunft Musik machen will.

Von der kommenden Saison an wird es keinen Chefdirigenten mehr beim Münchener Kamerorchester geben. Gut, die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks haben derzeit auch keinen Chef. Aber die einen haben bereits einen in Aussicht, die anderen können froh sein, ihren los zu sein. Beim Kammerorchester indes geht es um eine programmatische Entscheidung. Darum, dass nicht mehr ein Mensch die künstlerischen Geschicke bestimmt. Sondern sich drei Dirigenten, die alle auch hervorragende Musiker sind, diese Aufgabe teilen und die Verantwortung übernehmen: Jörg Widmann, der Alte-Musik-Experte Enrico Onofri und der epochenübergreifend denkende Bas Wiegers.

Alle drei werden Abo-Konzerte dirigieren, Bas Wiegers zudem zwei der Komponistenporträts in der Pinakothek der Moderne. Aber auch die Konzertmeisterin Yuki Kasai übernimmt zwei Mal die Leitung. Das Kammerorchester gibt sich selbstbestimmt und selbstbewusst, es hat ein künstlerisches Gremium, in dem auch Kasais Konzertmeisterkollege Daniel Giglberger sitzt, neben weiteren Mitgliedern des Orchesters wie etwa Nancy Sullivan, die Hälfte des Orchestervorstands. Sie betont, dass es für das Orchester entscheidend war, eine Stabilität in seiner ganz spezifischen Art des Musikmachens zu entwickeln. Und sieht die drei "Associated Conductors" als Musiker, als Partner.

Tatsächlich wird beim MKO jene Programmatik fortgesetzt, die einst Christoph Poppen hier entwickelte, Alexander Liebreich und zuletzt Clemens Schuldt (der für ein Kinderkonzert zurückkehrt) weiterführten: Mozart trifft auf Luciano Berio, Haydn auf Ur- und Erstaufführungen, Mendelssohn auf Werke Jörg Widmanns, Beethoven auf Salvatore Sciarrino. Beim "Ja, Mai"-Festival der Staatsoper ist das MKO ebenfalls wieder mit dabei.

Auf eines freut sich Jörg Widmann besonders: Er wird seinen 50. Geburtstag zusammen mit dem MKO musikalisch feiern. Die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Orchester währt inzwischen 25 Jahre. Angesichts einer solchen, mal engen, mal nicht so engen Kollaboration - sie begann 1997 beim Festival "Warschauer Herbst" mit Widmanns Stück "Insel der Sirenen" - braucht man wirklich keinen Chefposten mehr, um zusammen Musik zu machen. Auch Enrico Onofris Auftritt beim MKO löste pures Entzücken aus. Geschäftsführer Florian Ganslmeier: "Das Orchester ist viel breiter aufgestellt, als es von einem Dirigenten allein zu leisten wäre."

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