Süddeutsche Zeitung

MMA-Kämpfer Sebastian Stallinger:"Dem Schlagabtausch nicht abgeneigt"

Lesezeit: 7 min

Mixed Martial Arts sind für manche die reizvollste Kampfsport-Art, andere finden sie vor allem brutal. Der Münchner Sebastian Stallinger hat sich als Athlet für diesen Sport entschieden. Warum mutet er sich das zu?

Von Laurens Prasch

In wenigen Sekunden wird der Kampf zu Ende sein. Da gehen die verschwitzten und gezeichneten Athleten unter den Augen der 2200 Zuschauer zu Boden. Die beiden Männer messen sich in einem achteckigen Käfig in der Kleinen Olympiahalle. Es sind die letzten Momente in der dritten Kampfrunde für Sebastian Stallinger aus München. Muskeln und Tattoos des 1,80 Meter großen und knapp 79 Kilogramm schweren Mannes glänzen. Die dunkle Kurzhaarfrisur des 34-Jährigen ist zerzaust. Seinem durchtrainierten Körper wird gerade alles abverlangt im Kampf gegen den Iraner Iman Samarghandi. Stallingers Coach und Betreuer hält es nicht mehr auf ihren Sitzen am Käfigrand. "Du musst arbeiten!", rufen sie ihrem "Stalli" zu. Und dann passiert es: Takedown! Die zwei Pro-Athleten des Mixed Martial Arts (MMA) gehen zu Boden. Doch nur einer bleibt obenauf.

Seit 2010 werden "We Love MMA"-Kämpfe auf Amateur- und Pro-Niveau in deutschen Städten groß aufgezogen. Es ist die laut Veranstalter "härteste Liga" Deutschlands. Erste Station der Saison 2024: die ausverkaufte Kleine Olympiahalle am 9. März. Doch was ist MMA eigentlich und wer stellt sich so einem Kampf im Käfig?

Die Mixed Martial Arts - gemischte Kampfkünste - verbinden Techniken aus zahlreichen Vollkontakt-Kampfsportarten wie Brazilian Jiu-Jitsu oder Kickboxen mit verschiedenen Schlag- und Tritttechniken sowie Knie- und Ellbogenstößen. Wenig ist verboten. Selbst wenn ein Kämpfer am Boden ist, darf und soll weiter attackiert werden.

"Das kann auf Laien auch mal brutal wirken", sagt Stallinger zwei Tage vor dem Kampf in der Kleinen Olympiahalle. In Hoodie und Jogginghose sitzt er auf einer Couch im Gym seines Teams, dem "Munich Top Team MMA & Fitness" in Karlsfeld. Er müsse jetzt entspannen, das Training sei abgeschlossen. Seit sieben Wochen bereitet er sich vor, also mit noch mehr Trainingseinheiten als sonst schon. Bis zu elf waren es pro Woche. Und das neben 37 bis 40 wöchentlichen Arbeitsstunden am Schreibtisch als Business-Analyst. Obwohl es im Gym warm ist, behält der 34-Jährige im Gespräch seine Mütze auf. Fast so, als würde er seinen Kopf so lang schützen wollen, wie es ihm noch möglich ist.

Martial Arts werden auch in Deutschland populärer

In den USA sind MMA durch die Kampf-Serie "Ultimate Fighting Championship" in den vergangenen Jahren sehr populär geworden. In Deutschland sind sie hauptsächlich bei jüngeren Leuten bekannt, die mediale Aufmerksamkeit ist im Vergleich hierzulande bei Weitem geringer. Dass die Wettbewerbe als brutaler Kampf dämonisiert werden, kann Stallinger nicht ganz nachvollziehen. Beim Fußball habe er sich häufiger verletzt als im Käfig, sagt er. Bei Mannschaftssportarten ist die Verletzungshäufigkeit tatsächlich ebenfalls hoch, allerdings gilt die MMA als tendenziell brutaler als beispielsweise das sehr regulierte klassische Boxen. Meistens komme es aber zu ähnlichen Traumata, das bilanzieren etwa Wissenschaftler aus Australien.

Zum Schutz der Kämpfer gibt es Bandagen, Mund- und Genitalschutz. Die kleineren, fingerlosen Handschuhe führen im Vergleich zum Boxen zu schnelleren Niederschlägen, was aber insgesamt eher zu weniger schweren Blessuren führen soll, laut einer Studie der Glen Sather Sports Medicine Clinic. Wie das? Die MMA-Kämpfer würden wegen der größeren Wucht auch Niederschläge an anderen Körperstellen erzielen und das dementsprechend auch häufiger versuchen. Im Boxen seien hingegen vor allem Treffer zum Kopf interessant.

Dennoch, wer absolut sicherstellen möchte, keinen Kopftreffer zu kassieren, wird sich wahrscheinlich nicht in den Käfig wagen.

Stallingers Trainer, Alexander Poppeck, freut es sehr, dass die Anerkennung für den Sport zunimmt. Vor 15 Jahren, als er mit MMA begonnen habe, sei das noch anders gewesen. Heute würde die Sportart auch als solche anerkannt, erklärt der Coach. Auch von seinem Arbeitgeber, sagt Stallinger. Ganz offen habe er dort über seine Kämpfe gesprochen. Wenn er nicht gerade in das Oktagon steigt, arbeitet er bei einem Rückversicherungsunternehmen im Bereich Business Technology.

Sein Arbeitgeber habe im Vorstellungsgespräch wissen wollen, ob sich MMA positiv auf die Arbeit auswirken könne. Stallinger hat dazu eine klare Meinung: Der Sport gibt ihm Disziplin. Analog zum Projektmanagement für seinen Arbeitgeber beinhalte ein Kampf eine durchgeplante Vorbereitungszeit, er wisse, am "Tag X" müsse er abliefern. Da würden sich Kampfsport und Job, oder zuvor sein BWL-Studium, nicht groß unterscheiden.

Im Trainingszentrum in Karlsfeld

Die Woche vor einem Kampf mag Stallinger gar nicht, erzählt er auf dem Karlsfelder Sofa. In diesen letzten Tagen muss er sein Gewicht reduzieren und das bedeutet Verzicht. Eine beliebte Methode unter Kämpfenden vor dem Wettkampf, erhebliche Mengen Wasser trinken bei gleichzeitig stark verringerter Energiezufuhr. Wenn das nicht reiche, müsse er dann mit Schwitzen in der Sauna nachhelfen, sagt Stallinger.

Für den Münchner, der in Planegg groß geworden ist, ist ein Kampf im Scheinwerferlicht allerdings "keine Ausnahmesituation" mehr, wie er sagt. Obwohl der anstehende Abend erst sein dritter MMA-Kampf auf Pro-Ebene ist, also eine der höchsten Kampfklassen dieses des Sports. Denn Sallinger ist kampferprobt. Vor knapp 20 Jahren hat er zunächst mit dem Kickboxen begonnen. Er war sogar mit Anfang 20 Kickbox-Europameister bei den Profis. Über Umwege kam er einige Jahre später zum MMA: Die Vielseitigkeit verschiedener Kampfsport-Disziplinen sei der Reiz für ihn gewesen. MMA ist für Stallinger das "Non plus ultra" des Kämpfens. Man müsse ein "kompletter Allrounder" sein, um sowohl im Bodenkampf als auch beim Stand-up-Fighting zu bestehen. Geld spiele als Motiv keine Rolle. Nur sehr wenige deutsche Kämpfer können allein von Gagen leben, sagt Stallinger.

Ein familienfreundliches Samstagabendprogramm?

Auch wenn Stallinger in verschiedensten Disziplinen Erfahrung hat, der Kampf in München ist für ihn dennoch besonders. Er erwartet seine Familie und Freunde unter den Zuschauern. "Es ist seine Entscheidung und es macht ihm Spaß, das ist die Hauptsache", sagt seine 26-jährige Freundin Sophia. Für sie steht, wenig überraschend, im Mittelpunkt, dass er verletzungsfrei bleibt, nicht die Platzierung. Vor elf Jahren hat sie ihn in einem Kampfsportstudio kennengelernt. "Deshalb ist sein Sport für mich ganz normal und wir gehen diesen Weg zusammen."

Das Publikum ist jung und vielfältig, sagt Daniel Stock, einer der Moderatoren der Veranstaltungsreihe "We Love MMA". Der Frauenanteil sei sehr hoch und die Zeiten ohnehin lange vorbei, dass bei Kampfsportevents in den ersten Reihen nur schwere Jungs mit ihren Freundinnen sitzen. Schließlich trainierten auch viele Frauen MMA, allerdings nehmen sie nicht so häufig an Wettkämpfen teil, wie etwa in den USA. Dort gibt es mittlerweile sehr populäre und hoch dekorierte Kämpferinnen. Die Vermarktung in Deutschland war allerdings nicht so einfach. Lange durfte der Sport nicht im deutschen Fernsehen gezeigt werden. Mittlerweile ist das Verbot aufgehoben, nach 22 Uhr darf MMA gesendet werden. Stallingers Kampf in der ausverkauften Kleinen Olympiahalle beginnt um 22.10 Uhr: deutsche Primetime für MMA.

Die Corona-Zeit

Nur eine Zeit lang war nichts Geboten zur Primetime: Während Corona konnte Stallinger offiziell nicht kämpfen. Kurzerhand hat er dann 2021 bei einem Straßenkampf in Schweden mitgemacht, bei dem schwedischen Veranstalter "King of the Streets" (K.O.T.S.). Davon existiert ein Video. Der Münchner räumt ein, dass der Kampf sicherlich nicht seine klügste Entscheidung gewesen sei. Warum?

In einem Monitoringbericht über rechte Akteure und Kampfsport steht, dass K.O.T.S. die größte Kampfmöglichkeit "des europäischen Kampfsport-Hooliganismus" sei. Robert Claus, der zu Rechtsradikalismus in der Kampfsport- und Hooligan-Szene immer wieder Berichte wie auch diesen veröffentlicht, bestätigt auf Nachfrage, was auch in dem Bericht über K.O.T.S. zu lesen ist: "Die Nähe zu kriminellen, gewalttätigen und teils terroristischen Kreisen ist groß."

Sein Trainer bezeichnet Stallinger als aggressiv und offensiv arbeitenden Kämpfer. Und der 25-jährige Jordi aus seinem Team sagt, dass sich der "Junge wirklich hauen" könne. Auf seinen aggressiven Kampfstil angesprochen, sagt der Athlet mit einem Lächeln, er sei einem Schlagabtausch nicht immer abgeneigt.

Für ihn sei Kämpfen nur Sport. "Danach geben wir uns die Hand und gehen nach Hause", erklärt Stallinger. Wenn der muskulöse Mann nicht gerade zulangt, wirkt er überhaupt sehr freundlich und nett. So beschreiben ihn auch viele in seinem Umfeld. Ein respektvolles Miteinander, gerade nach dem Kampf, sei ihm sehr wichtig.

Der Kampftag

Kritische Gedanken zu MMA sind kurz vor einem Wettbewerb nicht angezeigt. Die Nachricht, dass er für den letzten und deshalb wichtigsten Kampf des Abends vorgesehen ist, erfährt Stallinger am Tag selbst erst beim Wiegen. Einer der Kämpfer hat sich verletzt, wodurch der Münchner als Lokalmatador und sein Gegner das Finale bestreiten dürfen. Bis es so weit ist, finden im Oktagon bereits Kämpfe verschiedener Gewichtsklassen statt. Mal herrscht angespannte Stille in den Zuschauerreihen, mal brandet von dort Jubel auf.

Der Mut und die Kampfkunst würden sie beeindrucken, auch wenn es zwischenzeitlich bei den Kämpfen etwas härter zugeht, sagt Besucherin Jennifer aus München. "Man hat eine gewisse Distanz. Man weiß ja, dass das Profis sind." Den 28-jährigen Daniel faszinieren der Mut der Sportler und die "Nähe zum Geschehen". Man fühle jeden Punch, jeden Schlag, jeden Kick. "Einfach Gänsehaut", sagt der Münchner.

Der Showdown

Der Einzug von Samarghandi und Stallinger in den Käfig wird von lauter Musik begleitet. Der Iraner erscheint ohne große Gesten zum Klassiker "If I Can't" von 50 Cent, Stallinger entscheidet sich für "Welcome to the Jungle" von Guns N' Roses. Die Show hebt er sich für den Kampf auf. Drei Runden à fünf Minuten: Nach einem Blitzstart von Samarghandi mit Fäusten und einem Superman-Kick kommt Stallinger immer besser rein. Auch in der zweiten Runde startet der Iraner mit vielen Schlägen und Tritten, setzt viele Wirkungstreffer. Aber Stallinger hält stand, schlägt zurück. Wie sangen Guns N'Roses gerade so passend: "If you want it, you're gonna bleed, but that's the price you pay."

Doch dann: Punktabzug für Stallinger. Die Jury will einen sogenannten Eierschlag gesehen haben, also in den Genitalbereich des Iraners. Stallinger und sein Team protestieren. Vergeblich, Punktabzug für Stallinger und damit Gleichstand nach zwei Runden. Nun müssen die letzten fünf Minuten den Kampf entscheiden. Da ist Stallinger der aktivere Kämpfer unter anderem mit Treffern aus seiner Paradedisziplin, dem Striking, also den Faustschlägen.

Er sei eigentlich überzeugt gewesen, dass er in der dritten Runde genug gepunktet habe, sagt Stallinger später. Doch um ganz sicher zu gehen, muss er es kurz vor Schluss einfach versuchen. Es bleiben nur noch wenige Sekunden. Stallinger setzt an. Er bringt den Iraner aus der Balance, es kracht, beide sind auf dem Boden. Stallinger obenauf, Samarghandi unter sich: Die Halle tobt. Die Jury entscheidet nach drei Runden auf Sieg für Stallinger.

Der vom Kampf etwas verbeulte Mann ist danach allerdings noch nicht ganz fertig im Käfig. Erst muss er sich noch den Fragen des Moderators stellen. Das Publikum richtet den Blick noch einmal auf ihn oder auf die großen, in der Halle platzierten Leinwände. Diejenigen, die jetzt eine selbstbewusste Kampfansage erwartet haben, wie gut er denn gekämpft habe, werden enttäuscht. So offensiv wie Stallingers Kampfstil auch ist, so zurückhaltend und bescheiden fallen seine Antworten aus. Was man denn nach so einem spektakulären Kampf im MMA noch von ihm erwarten könne, will der Moderator wissen: "Ich gehe am Montag wieder ins Training und dann wird erst mal an der Deckung gearbeitet".

Außerdem stehen noch zwei Projekte in seinem Job an, die er betreuen muss. Nur der Sonntag bleibt Stallinger zur Erholung.

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