Mittlerer Ring Wettrennen um weitere Röhren

Für einen möglichen Tunnel am Englischen Garten stehen bereits private Geldgeber bereit.

(Foto: dpa)

Giesing, Neuhausen oder Englischer Garten? Viele Anwohner in München hoffen auf neue Tunnel. Doch die Planer stehen vor immensen Herausforderungen.

Von Marco Völklein

Im Baureferat haben sie noch eine Menge zu tun, auch wenn die neuen Röhren unter dem Luise-Kiesselbach-Platz nächste Woche für den Verkehr freigegeben werden. Das Projekt muss abgerechnet werden, zahlreiche Kleinigkeiten und Feinheiten an dem Bauwerk sind noch zu erledigen. In der Politik und in vielen Stadtvierteln dagegen stellt man sich längst eine andere Frage: Welchen Straßentunnel geht die Stadt wohl als nächstes an?

Ein Bekenntnis zu weiteren Röhren?

Vor allem CSU, FDP und Freie Wähler haben sich im Rathaus klar als Pro-Tunnel-Parteien positioniert. So fordern etwa die Freien Wähler einen komplett kreuzungsfreien Mittleren Ring. Zudem haben CSU und SPD in ihrem Kooperationspapier festgeschrieben: "In München werden öffentlicher Nahverkehr und Individualverkehr optimiert."

Nicht nur in der CSU interpretieren diesen Satz viele als Bekenntnis zu weiteren Röhren am Ring - auch deshalb, weil Bürger in Stadtvierteln wie Giesing und Neuhausen vehement weitere Tunnel fordern. Allerdings: Mit raschen Entscheidungen ist eher nicht zu rechnen.

Voraussichtlich im Herbst will eine städtische Arbeitsgruppe eine vertiefte Untersuchung vorlegen. Dann soll es auch eine Priorisierungsliste geben, an welcher Stelle ein Tunnel am ehesten realisiert werden könnte. Doch die Debatte wird sich wohl noch einige Zeit hinziehen, zumal die Stadt auch noch weitere Untersuchungen brauchen wird.

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Unglaublich teuer oder unglaublich kompliziert

Denn anders als bei den bisherigen Tunnelabschnitten stehen die Planer bei den zukünftigen Projekten vor immensen technischen Herausforderungen. So hat sich die geplante Röhre in Giesing in ersten Untersuchungen als besonders knifflig herausgestellt: Entweder wird der Tunnel an Tegernseer Landstraße und Candidplatz unglaublich teuer - oder aber der Bau wird unendlich kompliziert und die Auswirkungen auf den Verkehr immens.

Die Planer warnen bereits, dass die Staus rund um den Luise-Kiesselbach-Platz in den vergangenen Jahren nur ein müder Abklatsch dessen waren, was rund um die Tegernseer Landstraße passiert, sollte dort irgendwann gebaut werden. Denn dort steht weniger Platz zur Verfügung. Während der Bauzeit von geschätzt sieben bis neun Jahren drohen Blechlawinen im gesamten Münchner Südosten.

Wegen der Schwierigkeiten befürchten viele Stadtviertelpolitiker, dass Giesing am Ende gar keinen Tunnel bekommen könnte. In ihrem Kooperationsvertrag haben sich CSU und SPD allerdings darauf geeinigt, für den Tunnel an der Tegernseer Landstraße einen Bürgerentscheid durchzuziehen. Wann der kommen könnte, ist offen. Noch tüfteln die Fachleute in den Referaten an der Priorisierungsliste, die dem Stadtrat im Herbst vorgelegt werden soll.

Fachleute sehen zahlreiche Probleme

In dieser wird dann auch detailliert die Machbarkeit eines Tunnels an der Landshuter Allee bewertet. Dort ist die Lage nicht ganz so dramatisch, aber ähnlich verzwickt wie in der Tegernseer Landstraße: Wegen der hohen Verkehrsbelastung und der relativ engen Bebauung wird eine Tunnelbaustelle alles andere als ein Kinderspiel. Zudem haben sich CSU und SPD darauf verständigt, die von Projektentwickler Rolf Rossius und Architekt Dieter Pöhlmann vorgeschlagene Tunnelvariante samt Wohnbebauung an der Oberfläche zu verfolgen. Dabei tun sich aus Sicht von Fachleuten zahlreiche Probleme auf: Weil zu viele Autos an der Oberfläche verbleiben, wäre das Wohnen in den geplanten Gebäuden wohl nahezu unerträglich.

Gut möglich ist daher, dass am Ende ein ganz anderer Tunnel das Rennen macht: der unter dem Englischen Garten. Der entlastet zwar keine Anwohner von Lärm und Dreck. Dafür ist er aber technisch vergleichsweise simpel zu bauen: Er soll an einer Stelle entstehen, an der genügend Platz ist, um während der Bauzeit den Verkehr umzuleiten (allerdings müssten dafür Hunderte Bäume gefällt werden). Und es stehen, das behaupten zumindest die Befürworter des Projekts, genügend private Geldgeber bereit, um einen Teil der Investitionskosten zu tragen.

Zudem hat eine Firma im Frühjahr bereits Probebohrungen vorgenommen. Mit den Ergebnissen können die Ingenieure die Pläne für den Tunnel, die private Initiatoren vorgelegt hatten, genauer auf ihre Machbarkeit hin abklopfen und vorantreiben. In einem solch fortgeschrittenen Stadium befindet sich bislang nur die Tunnelidee am Englischen Garten. Alle anderen Projekte sind davon weit entfernt.

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