Mitten in Solln:Treppenwitz der Bahn

Am örtlichen Bahnhof nähert sich der Logistikonzern Stufe um Stufe dem Olymp der großen Erzählungen

glosse Von Jürgen Wolfram

Die Leute wollen es partout nicht glauben, aber die Deutsche Bahn hat ihre Qualitäten. Weniger als Logistikkonzern, denn in ihrer Rolle als Schöpferin unendlicher Geschichten. Eine der frappierendsten spielt seit Jahren auf einem Bahnhof im Münchner Süden. Sollte diesem Kapitel noch eine Überschrift fehlen, würden wir "Der Treppenwitz von Solln" vorschlagen. Stufe um Stufe nähert sich die Bahn damit dem Olymp der großen Erzählungen. Dass ihren Fahrgästen allmählich die Contenance entgleist, sei vorweggenommen.

Um an die Anfänge der Bhf-Solln-Saga zu erinnern, muss man weit zurückblättern. Es beginnt vor vielen Wintern mit, o Wunder, Schnee und Eis. Alle reden damals vom Wetter, die Bahn bekanntlich nicht. Dem Großtransporteur wird stattdessen der Ratgeber "Simplify your Life" in den Sinn gekommen sein. Wozu komplizierte Räum- und Streudienste organisieren, wenn man Fußgängerstege auch einfach sperren kann? Zwar murren die Leute, als sie am Sollner Bahnhof auf Gitter treffen und Umwege in Kauf nehmen müssen. Aber meckern die Menschen nicht sowieso beim Stichwort Bahn?

Ein paar Buchseiten weiter sorgen unversehens Verkehrspolitiker für Spannung. Einer von ihnen fordert die Bahn auf, "aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen und als Dienstleister zu handeln". Auch fällt das garstige Wort vom "Chaosbahnhof Solln". Nicht, dass die Schelte eine spontane Weichenstellung bewirkt. Aber in einer dieser endlosen Fahrpausen, in denen es heißt "In wenigen Minuten erreichen wir München-Hauptbahnhof", muss irgendwem von der DB gedämmert sein: Wenn nix passiert, fährt unser Laden seine Reputation gegen die Wand. Zunächst konzentriert sich die Bahn dann auf tröstliche Durchsagen. So handelt der Mittelteil der unendlichen Geschichte von angeblich bevorstehenden Bauarbeiten, bahnbrechend-rutschfester Treppenbeschichtung, Millionenaufwand für die Fahrgäste.

So sind wir pünktlich im Herbst 2019 angekommen. Ein halbes Jahr später hat sich der Winter verzogen. Allein, die Arbeiten an der Treppenanlage "ruhen". Ruckelnd in Gang kommen sie Monate später, und wiederum viele Wochen danach wird die ersehnte Konstruktion freigegeben. Da jubelt der ÖPNV-Fan und verdrängt, dass an eine Überdachung sowie eine Rampe nicht gedacht worden ist.

Man soll Cliffhanger nicht überstrapazieren, aber inzwischen hat die Story erneut eine dramatische Wendung genommen: Nach nicht mal einem Jahr weist der Stufenbelag der neuen Treppen erhebliche Schäden auf. Die DB deutet erschöpft auf die Baufirma, spricht gequält von Gewährleistung, beschwört ein neuerliches Sanierungskonzept. Mit dem Austausch von Bauteilen sei zu rechnen, "voraussichtlich im Herbst". Spätestens dann müsste jemand der Bahn signalisieren, dass es die Geschichte vom ewig grüßenden Murmeltier bereits gibt.

© SZ vom 22.07.2021
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