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Mitten in  Solln:Reitverein in der Namenskrise

Wehe dem, der sich einmal aus durchaus nachvollziehbaren Motiven "Corona" benannt hat. Der sieht sich derzeit, ähnlich wie schon Menschen, nach deren Vornamen Sturmtiefs heißen, mit Anstößigkeiten konfrontiert. Diese sollten aber nicht wie ein Virus grassieren

Kolumne von Jürgen Wolfram

Stadtviertel sind gut beraten, sich von Zeit zu Zeit ihrer Besonderheiten zu entsinnen. Sie medial zu hegen und zu pflegen. Denn Alleinstellungsmerkmale stiften Identität. Was wäre denn Fürstenried ohne sein Schlösschen, oder Nymphenburg ohne sein Schloss? Was die Altstadt ohne ihr Rathaus, was Giesing ohne sein Sechzigerstadion? Nicht immer funktioniert die Zuordnung im Bewusstsein der Bevölkerung ideal, weshalb die Herausstellung werbeträchtiger lokaler Spezialitäten erst recht vonnöten ist.

Nehmen wir mal Thalkirchen. Vollkommen in Ordnung, wenn das Viertel mit dem Pfund der Flößerei wuchert und vor Freude über den Cowboyclub breitkrempige Hüte in die Luft wirft. Doch das berühmte Kletterzentrum Thalkirchen des Alpenvereins liegt in Wahrheit in Sendling, und der Tierpark befindet sich bereits auf Harlachinger Flur. Da mögen die Wandbilder der nahen U-Bahn-Station noch so impressiv eine andere Geschichte suggerieren.

Wer nun glaubt, wir würden uns Solln nähern, liegt goldrichtig. Am Südrand der Stadt wimmelt es nicht unbedingt von einzigartigen Attraktionen. Doch ein paar altersstolze Gasthöfe und Villen, hübsche Weiher und das in der Renovierung steckende Café Kustermann (künftig wird es Café Reis heißen) leuchten denn doch hervor aus dem vielfältigen Siedlungsmix. Und dann ist da noch dieser beliebte Reiterhof eines Vereins, dessen Name neuerdings so kontaminiert ist, dass man sich kaum noch traut, ihn hinzuschreiben: "Corona". Bei der Taufe im Jahr 1970 gemeint war selbstredend der Sieger- oder Ehrenkranz, der zum Reitsport gehört wie der Henkelpott zum Fußball.

Doch teilen die Reitenden von der Muttenthalerstraße plötzlich das Schicksal, zur Zielscheibe unlauterer Kommentare zu werden, mit jenen Menschen, deren Vornamen sich Meteorologen leihen, um Sturmtiefs zu benennen. Oder mit einer Brauerei in Baden-Württemberg, die zur Starkbierzeit den "Coronator" ausschenkt. Wie ein Virus aber sollten anstößige Witze in diesen Zeiten besser nicht grassieren.

© SZ vom 27.03.2020
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