Mitten in Sendling-Westpark:Verständigung misslungen

Trotz des erzwungenen Abbruchs wegen technischer Mängel gilt: Nach der Hybrid-Sitzung ist vor der Hybrid-Sitzung

glosse Von Berthold Neff

Vor Corona war es im Fußball so, dass die zu Hause spielende Mannschaft im Vorteil war, weil wahlweise die Gelbe Wand (in Dortmund) oder die Südkurve (bei Bayern) dem Heim-Team zusätzlichen Schub verlieh. Dieser Vorteil war aber dahin, als alle Zuschauer ausgesperrt blieben und nur noch müde Pappkameraden herumstanden, aus deren Mündern kein einziger Ton drang.

In der Politik ist der Heimvorteil trotz Corona immer noch da. Die Probe aufs Exempel lieferte am Dienstagabend Günter Keller (SPD), Vorsitzender des Bezirksausschusses (BA) Sendling-Westpark. Vor Kurzem erst hatte er es als erster Lokalpolitiker Münchens geschafft, erfolgreich eine Hybrid-Sitzung durchzuziehen. Im Sitzungssaal an der Meindlstraße, wo sich die BA-Mitglieder in Vor-Corona-Zeiten immer trafen, waren nur ein paar der Lokalpolitiker anwesend, die anderen nahmen aus ihrem Wohnzimmer über Computer und Webex teil. Man sah und verstand sich, alles schien bestens zu laufen.

Beim Auswärtsspiel nun aber, das in der etwas größeren Mensa des Erasmus-Grasser-Gymnasiums am Rande des Viertels stattfand, wendete sich das Blatt. Wie sehr Günter Keller auch kämpfte und rackerte, vom Vorstandstisch zum Beamer und zur Wlan-Box flitzte und dabei schlafwandlerisch sicher über die Kabel stieg, irgendwann ging nichts mehr. Was in der Mensa gesprochen wurde, verstand man nur noch dort, zu Hause in den Wohnzimmern kam ein unverständlicher Sprachsalat an. Nur noch das Handy erwies sich als halbwegs verständliches Kommunikationsmittel, und so einigte man sich dann per Telefon, die Sitzung abzubrechen. Nur jene Beschlüsse sollten gelten, die gefasst wurden, als die Sprachqualität noch gut war.

Außerdem einigte man sich darauf, die Ersatzsitzung am kommenden Dienstag als Heimspiel auszutragen, an der Meindlstraße und als Präsenzsitzung, ohne Zuschaltung von daheim. Am Hybrid-Prinzip will man aber festhalten, man setzt auf die bessere Wlan-Abdeckung am gewohnten Sitzungsort. Aufgeben gilt nicht, wie schon Sepp Herberger sagte: Nach der Sitzung ist vor der Sitzung.

© SZ vom 29.07.2021
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