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Mitten in Schwabing:Zeitreise mit Schleier

Vor einigen Monaten war die Maske noch ein Stofffetzen, hinter dem man sich eher unwohl fühlte. Doch einige haben inzwischen herausgefunden, wie man damit so richtig was hermachen kann

Kolumne von Claudia Wessel

"Maskentragen ist sexy", hat CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak gesagt. Seitdem läuft das Gedankenkarussell. Inwiefern könnte diese Behauptung zutreffen? Ist die Aura einer OP-Schwester sexy? Der Look eines Bankräubers? Die mystischen Augen, die einen jetzt von überallher mustern? Kürzlich schritt eine verschleierte Dame vorbei. Erstmals konnte man sich in sie hinein versetzen und beneidete sie gar ein wenig. Denn der Stoff, der vor ihrem Gesicht flatterte, schien aus Chiffon und luftdurchlässig. Wo gibt es hier eigentlich solche Schleier? Ihr Blick aus großen Augen - meinte Zimiak das mit "sexy"?

Die Erleuchtung kam jetzt eines Abends im Café Filmcasino an der Leopoldstraße. Mitten in der Party-People- Szene von blutjungen Menschen traf man eine alte Freundin. Schon öfter war man sich seit dem Lockdown begegnet, doch immer im privaten Rahmen, also maskenfrei. Diesmal sahen wir einander erstmals mit Mundschutz. "Du siehst so orientalisch aus", kommentierte die Freundin das umgelegten Tuch à la Tausend-und-eine-Nacht. Aber auch ihr Masken-Outfit war durchaus attraktiv: eine faltenfreie OP-Maske, dazu eine sündteure Gucci-Sonnenbrille und leuchtend blondiertes Haar.

Nach Registrierung führte uns eine nette Dame (mit cooler schwarzer Maske) zum Platz. Rundherum wurden offensichtlich einige 18. Geburtstage gefeiert, wurden High Heels und bauchfreier Look genüsslich präsentiert. Fast wie eine Zeitreise fühlte sich das an, aber eigentlich passten wir doch ganz gut in diese Umgebung: "Ganz ehrlich", sagte ich, "mit der Maske siehst du 20 Jahre jünger aus." Ja, bestätigte die Freundin, die noch nicht ganz 60 ist: "Mit Maske schauen mir tatsächlich noch ab und zu Männer hinterher." Na also, Maskentragen ist sexy.

© SZ vom 29.07.2020

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