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Mitten in Schwabing:Wartezimmer im Vorgarten

Solange man noch nicht für das Behandlungszimmer an der Reihe ist, kann sich so ein Arztbesuch ganz schön hinziehen

Kolumne von Nicole Graner

Der Besuch beim Doktor hat seit dem Gedicht von Ernst Jandl (1925-2000) "fünfter sein" eine klare Struktur: "Tür auf, einer raus, einer rein, vierter sein." Bis man selbst an der Reihe ist: "Tag Herr Doktor". Besser kann man es nicht beschreiben. Was Jandl nicht ahnen konnte: dass das einfache Schema seit Corona neue Formen annimmt.

Neulich also beim Doktor. Der hat seine Praxis in einem schönen, kleinen, alten Haus. An der Tür sind seit Covid 19 zwei Klingeln aufgeklebt. Eine für den Kinder-, die andere für den Frauenarzt. Man klingelt beim gewünschten Doktor und wartet. Ein bisschen. Dann öffnet sich die Tür, die Arzthelferin schaut heraus, fragt nach Name und Begehr. Verschwindet wieder mit dem Hinweis, dass man noch ein bisschen warten müsse. Brav verteilen sich die Patienten mit Maske im Vorgarten, sitzen auf den Stufen oder der Bank.

Dann öffnet sich die Tür erneut. Man darf hinein. Aber von wegen "erster sein". Drinnen wartet man erneut. Im Wartezimmer, das man jetzt allerdings einmal ganz für sich allein hat. Bevor man Platz nimmt, werden einem übrigens noch die Hände desinfiziert. Alles ist organisiert, alles klappt wie am Schnürchen. Der Abstand wird gewahrt, man begegnet anderen Patienten kaum.

Nächster Aufruf: Es geht in eins der beiden Behandlungszimmer. Und dort wartet man noch einmal, ein ganz kleines bisschen. Denn der Arzt musste schnell in die benachbarte Klinik. Deswegen kommt er auch nicht durch die Tür, sondern durch den Garten. Mal was anderes. Und endlich: Tag, Herr Doktor!

© SZ vom 30.07.2020

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