Mitten in Schwabing:Abwarten und Fenster zählen

Die Baustelle am Schwabinger Tor polarisiert - die einen loben, die anderen tolerieren, wieder andere beschwichtigen

Von Nicole Graner

Es ist fast so, als ob der Teufel hinter ihnen her wäre. Die Bauarbeiter hämmern und schrauben bis zur letzten Minute - auch samstags. Wäre Sonntag nicht Sonntag, würden sie natürlich auch dann auf der Baustelle am Schwabinger Tor stehen und sich mit lauten Zurufen motivieren. Kräne hieven Baumaterial und, in diesen Tagen besonders, Fensterrahmen an die richtige Stelle. Jeder Tag bringt etwas Neues. Jeder Tag bringt Lärm und - leider - nicht nur Schönes.

Denn es sind Kolosse, die da entstanden sind. Und viele Schwabinger und Anwohner schütteln, am Parzivalplatz stehend, den Kopf. "Wie kann man nur so etwas bauen?", sagt eine Dame. "Und warum nur müssen alle Fenster fast gleich aussehen?", fragt sich ein älterer Herr. Jüngere dagegen hoffen, dass in die geplante Geschäftszeile des großen Areals vielleicht auch ein H & M zieht. Dann müsse man nicht immer in die Innenstadt fahren, sagt ein junges Mädchen, das im Berliner Viertel wohnt. "Naja", sagt die Mutter, "das wäre mir ja egal, lieber hätte ich da kleine Geschäfte, wie ein Gemüseladen. Nur keinen Bäcker, davon haben wir genug."

In den Gärten der umliegenden Wohngebiete ist die Sicht plötzlich auch eine andere. Blickte man früher in den Himmel mit dem Gefühl von viel Freiraum in der Stadt, drängen sich jetzt fenstervolle Quader ins Sichtfeld. Und nachts ist es auch heller - die Baustellenbeleuchtung strahlt herüber in die Gärten. Auf der einen Seite der Leopoldstraße also nun große Einheitsriesen, auf der anderen jene kleinen Häuser, die großteils Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind, als dieser Teil Schwabings noch Brache war. Komische Mixtur. Ob da Schwabinger Flair aufkommen kann, das so von Stadt und Bauherr gewünscht ist?

Kurz: Das Schwabinger Tor polarisiert schon jetzt. Die einen schimpfen, die andern tolerieren, die einen loben, dass der Neubau ja schließlich schöner aussähe als das hässliche alte Metro-Gebäude und wieder andere beschwichtigen mit der Parole: abwarten. Bis alles steht. Auch die freien Plätze, die zum Verweilen einladen sollen. Also gut, abgemacht. Abwarten und Fenster zählen.

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