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Mitten in Pasing:Neue Formen

Plötzlich grüßen einen wildfremde Passanten, fröhliches Kindergeschrei klingt tröstlich, auf der Fahrbahn fliegen wieder Fußbälle umher und der Henkelmann vor der Haustür feiert sein Comeback

Täglich nimmt man den gleichen Weg, bewegt sich als Gewohnheitstier wie auf einem ausgetretenen Elefantenpfad. Mit schlafwandlerischer Sicherheit, eigentlich muss man nicht einmal mehr die Augen dazu öffnen. Okay, das war bislang so, heute ist natürlich alles anders. Wir sind mit geschärften Sinnen unterwegs, scannen die vertraute Umgebung nach Störgeräuschen, denn vieles hat sich in dieser kurzen Zeit verändert auf dem gewohnten Pfad. Warum hatte der Gemüsehändler am Wensauerplatz die Tage noch geöffnet? Jetzt aber geschlossen? Kommt mir jemand entgegen? Halte ich auch den geforderten Abstand zwischen uns ein? Zahle ich besser mit Karte ...?

Weil nichts mehr so ist, wie wir es kennen, müssen wir ganz neue Zeichensysteme erlernen, neue Alltagskulturen und Umgangsformen erst einüben. Und uns angenehm überraschen lassen, wie dörflich nun alles wird in dieser auch in den Gartensiedlungen recht anonymen Provinzweltstadt. Wildfremde Passanten grüßen, wenn man den Gehsteig vor dem Haus - diesen Trampelpfad zum Bahnhof - für sie fegt. Oder auf dem Straßenbegleitgrün eine Samenbombe in die Erde setzt. Die Nachbarskinder, die im Garten toben, stören nicht wirklich. Eher empfindet man ihr fröhliches Gekreische als tröstlich, es klingt so ausgelassen, so verdammt normal. Vor knapp 30 Jahren konnte man in unserer Siedlung auf der Straße noch Federball spielen. Zuletzt war selbst Radlfahren lebensgefährlich. Jetzt kicken sie wieder Fußbälle hin und her.

Im kleinen Lebensmittelladen um die Ecke, der die Pasinger Kolonisten schon seit ihren Anfängen im vorvorigen Jahrhundert durch alle Wirren der Zeit treulich gefüttert hat, grinsen die wenigen Kunden verschwörerisch über einem Korb Klopapier. Dort gibt es das teure Gut noch - aber niemand hamstert, sondern konzentriert sich lieber auf die wirklich wichtigen Dinge an der Feinkosttheke. Notorischen Nichtkochern wird von Nachbarn jetzt ein dampfender Henkelmann vor die Tür gestellt. Auch treffen von außerhalb fürsorglich gemeinte, wenn auch nicht wirklich realistische Offerten ein: Man solle doch aufs Land kommen, dort sei die Luft besser, und es gebe da noch ein freies Zimmer.

Mit einem Mal sind alle so nachsichtig, so richtig nett miteinander. Das zumindest könnte eigentlich so bleiben.

© SZ vom 31.03.2020

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