Mitten in München:Vertrauter Fremder

Wer sein Handy verliert und es dann irgendwann wiederbekommt, hat die Chance, in das Leben eines anderen einzutauchen. Möglicherweise aber ist es sinnvoller, die Spuren des anderen mit einem Wisch in den Orkus zu befördern

Von Astrid Benölken

Das Telefon klingelt früh am Morgen: "Hallo, nicht erschrecken: Polizei München hier." "Ja . . .?", fragt man und dehnt dieses Ja ein bisschen länger als sonst. "Wir haben Ihr geklautes Handy wiedergefunden. Wann möchten Sie es abholen?" Kurz blitzen die Erinnerungen an einen lauwarmen Sommerabend auf, auf der Wiese in der Dämmerung ein Taschentuch-Zettel-Buch-Stift-Haufen neben dem leeren Jutebeutel. Jeder Bonbonpapierzipfelrest ist noch da. Das Handy aber nicht.

Die Polizei hat es bei einem jungen Mann gefunden. Der hat es angeblich vor dem Hauptbahnhof gekauft. Könnte auch eine Schutzbehauptung sein, sagt die Polizistin, als sie das Handy eine Woche später übergibt. Es ist ein bisschen zerschrammter als zuvor, abgegriffen, gehört mit der Macke am Rand (der Küchenfußboden!) aber unverkennbar mir. Dachte ich. Bis ich es einschaltete.

Längst ist das Handy mit dem Leben eines anderen Menschen gefüllt. Ephraim heißt er, das steht zumindest in der SMS, die ihm ein Bekannter Anfang September geschickt hat. Ephraim ist neu in München, das steht auch in der SMS. Deswegen hat er sich in der Stadt umgeschaut, das zeigen die 68 Fotos. Ephraim im Apple-Store, Ephraim in der BMW-Welt, Ephraim auf dem Oktoberfest. Ephraim mag Autos, Ephraim mag Motorräder und Musik - sehr sogar, sonst hätte er nicht 57 Minuten und 21 Sekunden lang ein Pop-Konzert gefilmt. Und dann ist da immer wieder diese junge Frau, blond, in bemüht-lässiger Halbumarmung mit Ephraim.

Die Finger zucken: Wie wäre es jetzt, einfach mal bei "Mama" oder "Papa" anzurufen? Nur um mal zu hören, was Ephraim so für ein Kind war. Und um zu fragen, ob sie vergessen haben, ihm beizubringen, dass man sich Handys im Laden, nicht vor dem Hauptbahnhof besorgt. Aber eigentlich ist der Zorn längst verpufft, stattdessen staunt man über den vertrauten Fremden. Ob es Ephraim ähnlich ging, als er mein Handy zum ersten Mal in der Hand hielt? Ein seltsamer Gedanke. Und irgendwie unangenehm.

Deshalb ein schneller Daumenwisch. Und schon ist Ephraims Leben im Nirwana der Speicherkarte verschwunden.

© SZ vom 11.02.2016
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