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Mitten in München:Die Poolnudel als Kreativ-Keule

Fahrrad-Aktivisten wollen statt braven Engagements künftig durch mehr Provokation auffallen

Wer große Ambitionen hat und wenig Geduld, der sollte sich den Beitritt zu einer Partei oder einem Verein gut überlegen. Denn stundenlange Versammlungen, nervige Verhandlungen mit Ämtern, einsame Info-Stände oder schleppend verlaufende Unterschriftensammlungen können rasch ermüden. Kein Wunder, dass zwischen der Nachwahl des Schriftführers und dem Kassenbericht des Revisors Ideen reifen, wie sich derartige Ermattungsrituale überwinden lassen. Der Kreisverband München des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) fährt in dieser Hinsicht nun avantgardistisch voran.

Soeben hat die regionale Radler-Lobby den "Initiativkreis Aktionen" ins Leben gerufen. Erklärtes Ziel ist die Aufweitung des "braven, angepassten und fleißigen" Engagements durch "ein bisschen mehr Provokation, Show, Risiko". Einen Versuchsballon haben die Fahrrad-Enthusiasten bereits steigen lassen: Mit einer "Poolnudel-Demo" zeigten sie auf, wie man Autofahrer gut auf Abstand hält, genauer: auf 1,50 Meter Abstand. In dieser Art soll es gemäß dem ADFC-Motto nun weitergehen: "Mitmachen, aufrütteln, Spaß haben". Das junge Team der neuen Arbeitsgruppe freut sich auf "fantasievolle Vorschläge".

Andere Organisationen sollten diesem erquickenden Beispiel folgen und ihrerseits versuchen, dröge Strukturen aufzubrechen. Gut vorstellbar etwa, dass die Münchner Sportvereine mal ins Risiko gehen und zur Freude der Zuschauer Poolnudel-Tanzen ins Programm aufnehmen. Und warum sollten Naturschutzverbände die Provokation scheuen, den kümmerlichen Rest an Grünflächen mit bunten Abstandshalter-Barrikaden aus Polyethylenschaum zu sichern? Die politischen Parteien wiederum könnten ihrer Show einen unangepassten Akt hinzufügen und die Verkehrswende tatsächlich voranbringen. Schlagartig würden sie dem ADFC als fantasievolle Geistesverwandte gelten, die Lähmung und Langeweile ebenfalls abgeschworen haben.

© SZ vom 26.02.2020
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