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Mitten in München:Der Schnee von gestern

Auf die weiße Pracht ist einfach kein Verlass mehr - die Skirennen auf dem Olympiaberg sind Geschichte, selbst das Herankarren der Kristalle bringt nichts mehr

Für die Jahreszeit zu kalt", konstatierten die Experten vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach mit so tiefen Sorgenfalten auf der Stirn, dass sie selbst vom rapide einsetzenden Schneefall kaum verdeckt wurden. Es war bereits die zweite Kältewelle des Winters, denn schon vor Weihnachten bibberte das ganze Land unter hartem Frost.

Ja, vor genau zehn Jahren schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Greta Thunberg war damals erst sieben Jahre alt und hatte noch nie etwas vom Klimawandel gehört. Davon erfuhr sie erst mit acht Jahren in der Schule, die sie nun zuverlässig bestreikt. Seitdem ist auch sonst alles anders. Schnee gilt als Mangelware, wird in Kühltransportern von einem Wintersportort zum anderen gefahren und erst dann aufgegeben, wenn er von Kohle- und Dieselruß so geschwärzt ist, dass die pralle Sonne noch leichteres Spiel mit ihm hat.

Apropos Spiel: Wenn die Kinder während der Weihnachtsferien wegen des ausbleibenden Schnees ins Quengeln gerieten, konnte man sie stets auf Mitte Januar vertrösten. Es konnte als ein Naturgesetz des frühen dritten Jahrtausends gelten, dass der Winter mit all seinen Erscheinungsformen wie Schnee, Eis und Frost zuverlässig erst dann Einkehr hält, wenn die Fußball-Bundesliga in die Rückrunde startet. Aber nicht einmal darauf ist mehr Verlass. Die Kicker, die sich nach dem schweißtreibenden Schuften in ihren Trainingslagern von Marbella bis nach Katar auf eine zünftige Schneeballschlacht im Stadion und rote Bälle gefreut hatten, blickten heuer weitgehend ins Grüne. Die paar Kristalle, die sich leichtsinnigerweise im Strafraum gebildet hatten, wurden von der Rasenheizung gnadenlos verbrannt. Wie ernst die Lage ist, merkt man auch daran, dass heute niemand mehr daran denkt, einen Weltcup-Parallelslalom am Olympiaberg zu veranstalten. Seit 2011 hat man es fünf Mal versucht, drei Mal fiel das Rennen mangels weißer Pracht aus, zuletzt 2016. Auch das ist nun Schnee von gestern.

© SZ vom 21.01.2020
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