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Mitten in München:Bunte Welt am Fluss

Die Corona-Krise macht sichtbar, was begabte Sportler, Tänzer und Musiker sonst hinter verschlossenen Türen oft für tolle Sachen machen

Kolumne Von Claudia Wessel

An der Isar ist es schon seit dem Ende der Ausgangsbeschränkungen immer recht voll. Vor lauter bunten Kleidungsstücken sieht man mitunter die grüne Wiese nicht mehr. Anfangs war das simple Picknick die Hauptbeschäftigung von zuerst Zweiergruppen, dann Haushaltsangehörigengruppen, dann Zehn-Personen-Freundeskreisgruppen, inzwischen so gut wie unbegrenzt großen Gruppen. Man saß beinander mit einer mitgebrachten Bierflasche und vielleicht einer kleinen Brotzeit. Hin und wieder tauchten ein paar nette Polizeibeamte auf, die hier sogar ihre Masken weglassen konnten, und schauten kritisch auf die Abstände. Auch heute sind noch regelmäßig Polizeiautos zu sehen.

Aber das, womit die Menschen an der Isar sich beschäftigen, das ist mittlerweile weit fantasievoller als ein schlichtes Picknick. Vieles, was man drinnen noch nicht tun darf oder kann - angesichts geschlossener Clubs, Bars und Tanzlokale - wird jetzt einfach unter freien Himmel verlegt. Wer an der Isar entlang radelt, bekommt so einiges zu sehen. Zu Salsamusik tanzen Paare auf der Wiese, gleich daneben spielen im Quadrat stehende Jugendliche ein unerklärliches Wurfspiel. Ein Paar hat einen Baumstamm zum Tisch umfunktioniert, auf dem eine Flasche Rotwein und zwei edle Gläser stehen. Am Rande eines Spielplatzes spielt tatsächlich eine Jugendband. Ein paar Meter weiter boxen mindestens 30 Männer und eine Frau eifrig in die Luft, bis der Trainer eine neue Übung vormacht: hinsetzen und Beine knapp über dem Boden hin- und herbewegen, sehr gut für die Bauchmuskeln. Gleich daneben schrauben sich alle acht Personen einer anderen Gruppe in den Handstand.

Nicht nur sieht man im Vorbeiradeln, was für tolle Sachen begabte Sportler, Tänzer und Musiker sonst hinter verschlossenen Türen veranstalten, man hat auch Lust, hier und da einfach eine Pause einzulegen und zuzuschauen. Und auch wenn seit gut einer Woche "kontaktfreie Sportarten" wieder in Räumen ausgeübt werden dürfen, man möchte all die Privat-Entertainer dringend ermutigen, bei schönem Wetter weiterhin an der Isar ihr Können zu zeigen.

© SZ vom 14.07.2020

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