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Mitten in Harlaching:Häuser mit Augen und Ohren

Wer in Quarantäne muss und zwei Wochen nicht raus darf, erlebt, wie dem eigenen Heim Sinnesorgane wachsen

Glosse von Benjamin Stolz

Wer hat sich als Kind nicht vorgestellt, dass die Fenster von Häusern Augen sind und die Türen zahnlose Münder? Um diese kindliche Illusion erneut zu erleben, genügt bereits eine Reise von Tirol in die bayerische Landeshauptstadt. Die daraus folgende Quarantäne geht nämlich aufs Haus und der Isolierte 14 Tage aus ebendiesem nicht mehr nach draußen. In der eigenen Fantasie bekommen die Wände nach einiger Zeit wie früher weite Fensteraugen, die durch die Nachbarschaft spähen und einen hungrigen Mund, in den dankenswerte Helfer den Wocheneinkauf stellen. Dazu kommen gleich mehrere Ohren aus Metall und Beton, die Schallwellen aus dem ganzen Haus bündeln, und ein unsichtbares Riechorgan, das die Gerüche von draußen nach innen saugt. Der Quarantäne-Tag, so scheint es, vergeht in Sinnes-Abschnitten.

Vormittags ist die Zeit des Fensterauges. Ein junger Vater lädt seine beiden Kinder auf ein knallgrünes Lastenrad. Mit ihren bunten Helmen schauen die beiden aus wie zwei Ostereier in einem Nest. Das rote Ei holt plötzlich aus und boxt dem grünen auf die Schulter. Der Vater schimpft den Vierjährigen. Ein alter Mann zieht seine rollende Einkaufstasche langsam vorbei und murmelt an sich selbst gerichtete Worte.

Mittags scheint im Garten die Sonne, das mächtige Hörorgan des Hauses ist aktiv. Der Balkon der Nachbarn von oben wird zum ohrmuschelartigen Resonanzkörper, Wortfetzen dringen über die Fassade ins Erdgeschoss. Immer nur hört man sie flüstern, niemals schreien oder auch nur reden. Woran wohl lassen sie niemanden teilnehmen?

Hin und wieder verirrt sich ein Eichhörnchen in den Garten und knabbert an der Kokosfußmatte der Veranda. "Die kommen aus dem Perlacher Forst", sagt die ebenerdige Nachbarin, Frau des jungen Lastenradvaters und Mutter der Ostereier. Sie hängt die Wäsche ab und verschwindet durch den Mund ihrer Wohnung. Das Tierchen nascht die Matte und lässt sich von Menschen nicht stören: Sein Zuhause, den Forst, teilt es bei schönem Wetter mit Gruppen von Männern mit dicken Waden und dünngerahmten Rennrädern, die über die geraden Asphaltstraßen düsen.

Abends beginnt die Zeit der unsichtbaren Nase. Die Nachbarn im Erdgeschoss kochen Curry mit Kokosmilch, das Flüsterpaar oben grillt am Balkon und schweigt, während nur die Würstchen leise zischen. Fensteraugen und Mundtüren sind in der Nacht fest geschlossen, doch das Haus schläft nicht. Seine Organe, Wasserrohre und klopfende Wände, grummeln bis zum Morgen. Gut, dass die Quarantäne-Zeit bald endet.

© SZ vom 04.05.2021
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