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Mitten in der Maxvorstadt:Mit Rubens auf Realitätsflucht

Neidische Blicke streifen Adam und Eva, die ein FKK-Sonnenbad im Garten Eden nehmen dürfen. Und der Heilige Laurentius war anscheinend sogar wieder im Solarium. Beim ersten Besuch in der Alten Pinakothek seit Monaten erzählen die Gemälde plötzlich ganz neue Geschichten.

Glosse von Benjamin Stolz

Erst wenn der Alkohol des Desinfektionsspenders am Eingang der Alten Pinakothek von den Händen verdampft ist und nicht mehr in der Nase brennt, erkennt man, wie sehr man ihn vermisst hat, diesen Museumsgeruch nach altem trockenem Holz und penibel bewahrter Minimalfeuchtigkeit. Bald zeigt sich: In den wiedereröffneten Museen wecken selbst Details Hunderte Jahre alter Bilder Sehnsucht nach Normalität.

Die Alexanderschlacht von Albrecht Altdorfer zum Beispiel hält nicht nur die berühmt-brutale Keilerei anno 333 im kleinasiatischen Issos fest. Bei eingehender Betrachtung stellt sich der Drang ein, ganz hinten am Horizont, wo abseits des Gemetzels das Mittelmeer so schön glänzt, einfach Sonnenschirm und Liegestuhl aufzuschlagen.

Und die Gemälde von Rubens erst. Der Höllensturz der Verdammten, dieser fast sechseinhalb Quadratmeter große Tribut an die katholische Furcht vor dem schlechten Ausgang des Jüngsten Gerichts mag den Menschen früher echte Angst eingejagt haben. Dabei ist es an diesem dantesken Höllenort sicher um einiges wärmer als in München Ende Mai, Anfang Juni. Verzerrte, erhitzte Gesichter, Drachen und Schlangen, nackte Körper in dunklen Ecken - auch so was nannte man weit vor Corona in einschlägigen Clubs noch eine gelungene Party.

Um die allegorische Darstellung der Sündhaftigkeit in Pieter Bruegels "Schlaraffenland" als Laie auszumachen, muss die maskenbedeckte Nasenspitze ganz schön nahe an die Leinwand rücken. Während man unter den Armen ob der nicht eingehaltenen Kontaktbeschränkungen schon leicht zu schwitzen beginnt, geht plötzlich der Alarm los. Ein Wächter eilt herbei und zischt den Befehl, den heute jeder kennt: "Abstand!"

So geht es weiter durch die hohen Räume. Neidische Blicke streifen Adam und Eva, die ein FKK-Sonnenbad im Garten Eden nehmen dürfen. Sogar die Freiluft-Gastronomie vom Baum der Erkenntnis klappt in der Momentaufnahme einwandfrei. Für Entrüstung sorgt aus der Ferne ein weiterer Rubens: Der Heilige Laurentius darf anscheinend sogar ins Solarium, der feine Herr. Erst direkt vor dem Gemälde beißt man sich gedanklich auf die Zunge, wird der Arme doch augenscheinlich lebendig verbrannt.

Wer die Gefahr durch Corona wirklich verstanden hat, ist, auch wenn man es in der aktuellen Situation kaum glauben mag, ein Deutscher: In den Gemälden von Caspar David Friedrich gibt es nur vernebelte, menschenleere Berghänge, maximal ein paar verlotterte Wanderer, mystische Landschaften, die eine traurige Sehnsucht auslösen. Wonach eigentlich?

© SZ vom 01.06.2021
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