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Mitten im Zelt:Politik zwischen Ziegen und Esel

Weil es in Corona-Zeiten vor allem um den sicheren Abstand geht, braucht man für Sitzungen große Räume. Und wenn die knapp sind im Viertel, tagt man halt im Zirkus: Manege frei!

Kolumne Von Nicole Graner

Kann das sein? Da steht die Grünen-Fraktion des Bezirksausschusses Bogenhausen, berät sich, und hinter der Gruppe meckern Ziegen? Ja, echte Ziegen. Sehr ungewöhnlich auch, dass im Hintergrund Hühner gackern. Und ein stattliches, schwarzes Pferd staubend seine Runden dreht. Aber nichts ist unmöglich. Und weil es coronabedingt kaum mehr Möglichkeiten gibt, an große Räume zu kommen, macht sich der Ausschuss zu eigenwilligen Artisten und tagt - kurz entschlossen - im Zirkus Baldoni. Man wolle mitten im Viertel sein, sagt die stellvertretende BA-Vorsitzende Karin Vetterle (SPD), auch habe man den Zirkus ja stets unterstützt. Da wolle man gleich noch ein Zeichen setzen. Sagt es, und marschiert lachend in Richtung Eingang.

Erst mal in Listen eintragen, erst mal Hände desinfizieren. Dann öffnet sich der Vorhang. Es riecht nach Staub, Dung und nach Bratwürsten. Der Chef, Anton Kaiser, höchstpersönlich brutzelt sie im Eck. Man sei für alles offen, sagt er und ruft in die Runde: "Bratwürscht!". Mitten im Zirkusrund, auf einer blaugelben Matte, sitzt - nicht auf einem Lamarücken, sondern ganz brav auf Stühlen - der Vorstand. Die anderen rund um die Manege. Da liegt in der Wiese ein Schnuller, da stakt man durch aufgewühltes Erdreich. Fliegen gehören zur Kulisse.

Und die Sitzung? Nun, ein bisschen Posse, ein bisschen Jonglage. Man passt sich thematisch den Räumlichkeiten an. Spricht plötzlich auch in tierischen Bildern: Dass man sich nicht "zum Affen machen" wolle zum Beispiel. Auf den Esel gekommen, also, den man übrigens durch den Vorhang weiden sieht. Und hin und wieder macht hinter vorgehaltener Hand die Frage nach dem Clown die Runde. In der Pause, nach langen Diskussionen, gibt es Popcorn. Grund genug, vielleicht im Oktober noch einmal in der Manege zu tagen.

23.30 Uhr. Die Tiere sind längst im Bett. Gerade wurden noch die Gänse schnatternd in ihren Heia-Container gebracht. Der LED-Schriftzug "Baldoni" leuchtet in allen Farben auf dem Zelt. Auch als sich der Vorhang öffnet und die Ersten die lange Sitzung im Zelt verlassen und in der Dunkelheit verschwinden.

© SZ vom 17.09.2020

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