Kritik:Gemeinsam einsam

Lesezeit: 1 min

Wunderschöner Indie-Rock-Eskapismus mit Mitski in der Freiheitshalle.

Von Christian Mayer, München

Was für ein Dahingleiten und Davonfliegen, ein Schweben und Schreiten, ein Suchen und Tasten: Mitski hat die Gabe, jeden ihrer Songs auf einer zweiten Ebene zu interpretieren - als gestisches Minidrama. Die japanisch-amerikanische Indie-Rock-Sängerin zeigt sich bei ihrem Münchner Auftritt äußerst wandelbar, mit spielerischer Leichtigkeit schafft sie Illusionen und lässt sie dann wie Seifenblasen platzen - allein durch ihre Biegsamkeit und ihre Verführungstricks. Mal wirkt sie im weißen Kleid wie ein Stummfilmstar aus den Zwanzigerjahren, mal wie ein Roboterwesen aus einer fernen Dystopie, mal wie eine Entfesselungskünstlerin à la Houdini.

Wie in anderen Städten auf ihrer Europa-Tour gab es auch in München einen riesigen Ansturm auf die Tickets, das Konzert musste vom Strom in die größere Freiheitshalle verlegt werden. Mitski wird von ihren treuen Fans fast schon kultisch verehrt - weil sie den Zweifelnden, den am Zustand der Welt Verzweifelnden eine Stimme leiht und wunderschöne Momente des Eskapismus schafft. Aber selbst in einem Song wie "Nobody", in dem sie das Gefühl der absoluten Einsamkeit beschwört, gibt es auch einen Moment der Selbstbehauptung, eine trotzige Abgrenzung von der Schlechtigkeit der Welt. Ganz einsam ist man eh nicht mehr, in einer Halle mit lauter Mitski-Fans, die jede Textzeile lautstark begleiten und sämtliche Titel seit dem Debütalbum "Lush" 2012 bis zum aktuellen "Be the Cowboy" auswendig kennen.

Leicht atemlos verfolgt man dieses neunzigminütige Konzert, das eine stark theatralische Qualität hat - nur einmal wendet sich die Künstlerin direkt ans Publikum: Sie sei viel zu absorbiert in ihrer Rolle, "deshalb rede ich so wenig". Ein paar Mal müssen sich die Rettungssanitäter ihren Weg durch die Menge bahnen, um dehydrierte junge Besucherinnen nach draußen in den Arnulfpark zu geleiten, während Mitski über die zerstörerische Kraft von Beziehungen singt, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind: "I bet on losing dogs". Man selbst möchte wetten, dass Mitski bald zurückkehrt, ins heiße München.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB