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Gentrifizierung:Angst ums Paradies

Als sie von den Verkaufsplänen hörten, gründeten die Mieter aus der Oberländerstraße eine Mietergemeinschaft.

(Foto: Robert Haas)

Seit ein Investor ihr Haus gekauft hat, versuchen die Bewohner der Oberländerstraße 5 gemeinsam ihre Idylle zu retten.

Eine Hängematte, ein paar Liegestühle und in der Ecke ein Sandkasten. Zwei Bänke und ein Biertisch, jemand hat eine Schüssel mit Melonenstücken darauf gestellt, ein bisschen Brot und Gemüse. Im Frühling sind sie meistens hier draußen, die Bewohner des Hauses an der Oberländerstraße 5. Draußen im Garten, ihrem persönlichen Paradies. In ein paar Wochen sind wieder die Hofflohmärkte in Sendling, auch sie werden dabei sein, wie jedes Jahr. Vielleicht bekommen sie dann wieder einmal zu hören, dass ihr Garten ja einer der schönsten in München sei. Man kommt aus der U-Bahnstation Implerstraße und steht quasi schon vor der Tür.

Tolle Lage, tolle Mieten, sie bewegen sich im Schnitt um die zehn Euro kalt pro Quadratmeter. Elf Wohnungen gibt es, die meisten Bewohner sind junge Paare und Familien. Eine Bewohnerin lebt seit ungefähr 40 Jahren im Haus, sie passt oft im Garten auf die Kinder auf. Im Erdgeschoss ist eine Einrichtung der ambulanten Erziehungshilfe untergebracht. Von den Fenstern an der Rückfassade hängt ein Transparent. "Paläste für alle" steht darauf, und: "Wohnen soll nicht Ware sein". Dass das, was für sie der Lebensmittelpunkt ist, für andere nur eine Ware ist, dieses Gefühl haben sie, seit ihr Haus verkauft worden ist. Seitdem machen sie sich Sorgen um ihr Münchner Paradies. Darum, dass sie sich ihre Wohnungen dort irgendwann nicht mehr leisten können. Es ist eine Geschichte, die sich in dieser Stadt so oder so ähnlich häufig abspielt. Der Eigentümer starb, die Erbengemeinschaft war sich nicht einig, was mit dem Haus geschehen sollte. Ein Mitglied verkaufte sein Drittel an einen Investor, der Rest sollte später folgen.

Weil das Haus in einem Erhaltungssatzungsgebiet steht, hat die Stadt ein Vorkaufsrecht. Der Stadtrat prüfte den Fall, woraufhin der Investor eine Abwendungserklärung unterschrieb. Damit wird die Ausübung des Vorkaufsrechts verhindert, gleichzeitig verpflichtet der Käufer sich, zehn Jahre lang auf Luxussanierung und eine Aufteilung in Eigentumswohnungen zu verzichten. Oft glauben Mieter, durch die Erhaltungssatzung gut geschützt zu sein; das ist aber nur sehr bedingt der Fall. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) will die Satzung deshalb nun deutlich verbessern und Investoren strengere Auflagen machen.

Schon gleich zu Beginn, als sie von den Verkaufsplänen hörten, gründeten die Mieter aus der Oberländerstraße eine Mietergemeinschaft. Sie holten sich Rat beim Bündnis bezahlbares Wohnen und luden die neuen Eigentümer zu einem Treffen ein. Sie wollten nicht passiv abwarten, was passiert, sondern selbst aktiv werden, miteinbezogen werden in die Planungen zur Zukunft ihres Hauses, die schließlich ihre eigene Zukunft ist. Trotz mehrerer Anläufe und Versuche wurde daraus jedoch nichts, ganze zwei Jahre lang. Mündlich habe der neue Eigentümer nach dem Kauf zunächst versichert, dass keine großen Umbauten geplant seien, erzählen die Mieter - außer Instandsetzungen der Heizung, der Fassade an der Hausrückseite und möglicherweise des Treppenhauses.

Mittlerweile sieht das etwas anders aus. Über Umwege erfuhren die Bewohner von einer Bauvoranfrage des Investors. Demnach sehen die Pläne nun ein ausgebautes Dachgeschoss, neue Balkone auf vier Etagen, einen Außenaufzug und einen Umbau des allseits geliebten Gartens vor - inklusive Fällung der meisten Bäume. Dass ihre Wohnungen Modernisierungspotenzial haben, ist den Mietern klar. Besonders den Aufzug lehnen sie aber ab - weil er drei Meter in den Garten hineinragen und diesen somit deutlich verkleinern würde, vor allem aber weil er nicht praktisch wäre.

Denn um ihn zu nutzen, müsste man am Hauseingang zunächst acht Stufen hinaufsteigen, durch den gesamten Hausflur hindurchgehen und dann wieder acht Stufen bis in den Garten hinuntersteigen. Außerdem würde der Aufzug auf jeder Etage nur im Zwischengeschoss landen. Er würde also keine Barrierefreiheit schaffen, im Alltag voraussichtlich eher selten genutzt werden, aber laut Bauvoranfrage rund 180 000 Euro kosten und erwartungsgemäß hohe Betriebskosten verursachen, so die Mieter. Ihre Hoffnung liegt nun auf dem Denkmalschutz; wie stark der Bau des Lifts die Erscheinung des Hauses mit den mehr als hundert Jahre alten Originalfenstern bedrohen würde, wird zurzeit geprüft.

Dass sie sich als Mieter zusammengetan haben, hat sie gestärkt und macht ihnen immer wieder von neuem Mut. Die Aufgaben haben sie nahezu professionell aufgeteilt. Einer kümmert sich um die Kommunikation mit dem Wohnungsamt und die Vernetzung nach außen; einer ist der Digitalchef und Protokollant; eine kümmert sich um den Denkmalschutz, eine recherchiert und eine entwirft Plakate. Vor ein paar Tagen hat es dann nach zwei Jahren doch endlich ein Treffen mit dem Investor gegeben. Offenbar hat sich die Hartnäckigkeit der Bewohner gelohnt.

Der Sprecher des Investors gibt sich nun verwundert über die Aufregung. "Wir werden nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen und wollen nichts gegen die Interessen der Mieter machen", sagt er. Bevor Entscheidungen getroffen werden, werde man künftig das Gespräch mit den Mietern suchen, versichert der Sprecher. "Wir wissen es zu schätzen, dass es nun einen offiziellen Gesprächskanal zu unserem Eigentümer gibt", sagt der Vorsitzende der Mietergemeinschaft, Janek Schmidt, "und dass dieser uns verbindlich zugesagt hat, im Haus keine Maßnahmen gegen die Interessen der Mieter durchzusetzen, denn das signalisiert eine ehrenwerte Grundeinstellung". Die Mieter sind gespannt, wie es weitergeht. Sie sehen das so: Es geht nicht nur um ihr Haus. Es geht auch um ihre Stadt.