Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche:Fragen und Unverständnis

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Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: Das Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl berichtet von Hunderten Opfern und Tätern in der Erzdiözese - auch vom Fall eines Priesters in Garching an der Alz.

Das Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl berichtet von Hunderten Opfern und Tätern in der Erzdiözese - auch vom Fall eines Priesters in Garching an der Alz.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Münchner Erzdiözese lädt Missbrauchsbetroffene ein, um ihnen zuzuhören, von Hilfsangeboten und Prävention zu berichten. Doch viele Fragen bleiben.

Von Kathrin Aldenhoff

Es dauert nicht lange, bis die Frage im Raum steht: Könnte es heute noch einmal so passieren? Die Antwort ist nicht ganz klar. "So etwas, was Sie erlebt haben, kann eigentlich nicht mehr vorkommen. Zumindest nicht in dieser Form", sagt Michaela Huber, die Vorsitzende der unabhängigen Aufarbeitungskommission der Münchner Erzdiözese, gleich zu Beginn in Richtung der Betroffenen. Generalvikar Christoph Klingan sagt etwas später, so weit würde er nicht gehen wollen. "Wir wollen aber alles dafür tun, dass das nicht mehr passiert."

An diesem Freitagnachmittag in München soll es um die Betroffenen von sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising gehen. Es ist die erste Veranstaltung der Aufarbeitungskommission der Münchner Erzdiözese und es sind 56 Betroffene gekommen, viele von ihnen mit Begleitung. Es soll ein guter Tag für sie werden, so wünscht sich das Michaela Huber. "Wir wollen wissen, was die Betroffenen wollen", hatte sie im Vorfeld gesagt. Zuhören wollen sie an diesem Nachmittag, Austausch ermöglichen.

Zunächst einmal stellt Manfred Markwardt die Arbeit der Aufarbeitungskommission in den vergangenen eineinhalb Jahren vor. Eine Aufgabe der Kommissionen sei die Erhebung der Missbrauchsfälle in der jeweiligen Diözese. Da es in München das umfangreiche Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl gebe, könne man in München aber den Schwerpunkt darauf legen, die Strukturen zu identifizieren, die den sexuellen Missbrauch ermöglicht oder erleichtert haben; oder die dessen Aufklärung erschwert haben.

Das Gutachten geht von 235 mutmaßlichen Tätern aus

Das Gutachten der Kanzlei war am 20. Januar dieses Jahres veröffentlicht worden und geht von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern seit 1945 in der Münchner Erzdiözese aus. Und von einem weit größeren Dunkelfeld.

Fünf Empfehlungen hat die Kommission bisher an die Erzdiözese gerichtet, woraufhin schon einiges geschehen sei: Eine Anlauf- und Beratungsstelle, die Betroffene dabei begleitet, einen Antrag auf Anerkennungsleistungen zu stellen, wurde eingerichtet. Betroffene sollten die Möglichkeit zu einer psychotherapeutischen Begleitung durch externe Kooperationspartner haben, so eine andere Empfehlung. Eine weitere ist dieser Tag der Begegnung für bekannte und noch nicht bekannte Betroffene.

Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: Michaela Huber leitet die Aufarbeitungskommission für Missbrauch im Erzbistum München.

Michaela Huber leitet die Aufarbeitungskommission für Missbrauch im Erzbistum München.

(Foto: Robert Haas)

In Zweiergesprächen haben Betroffene Wünsche geäußert, Fragen gestellt, Unverständnis formuliert: für den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in vollem Wissen der Vorgesetzten. Warum hat man nicht früher angefangen mit der Aufarbeitung? Wie kommt die Höhe der Entschädigungen zustande? Warum dauert das so lange? Es ging um die Bedeutung von Entschuldigung und Anerkennung, darum, wie schwierig es als Betroffener gewesen ist, sich zu melden, seine Geschichte zu erzählen.

Schulungen zur Prävention sind verpflichtend

Generalvikar Christoph Klingan und Amtschefin Stephanie Herrmann sprechen unter anderem über die Arbeit der Erzdiözese zur Prävention. Es gibt zum Beispiel eine verpflichtende Präventionsschulung für Seelsorger, jeder Pfarrverband muss ein Schutzkonzept entwickeln, zum Beispiel für eine Jugendfahrt, und dieses Konzept muss auch vorgelegt werden. "Die Prävention ist bei der Leitungsebene angesiedelt, um deutlich zu machen, dass es uns ein wichtiges Anliegen ist", sagt Christoph Klingan.

Außerhalb der Erzdiözese gibt es mehrere unabhängige Ansprechpersonen, die Betroffenen helfen, einen Antrag zu stellen, die aber auch einfach nur zuhören und begleiten. Sie stellen sich vor an diesem Nachmittag, zum Beispiel die stellvertretende Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz und Trauma-Ambulanz der LMU, ein Vertreter des Münchner Informationszentrums für Männer, eine Vertreterin der Beratungsstelle Wildwasser. Auch bei der Erzdiözese gibt es ein neues Angebot, das auf Wunsch des Betroffenenbeirats eingesetzt wurde: eine Seelsorge für Betroffene.

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