Der Betroffenenbeirat des Erzbistums München und Freising hat am Mittwoch in Rom Papst Leo XIV. getroffen. Wie schon vor zwei Jahren waren die Betroffenen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche nach Rom gereist, um ihr Anliegen an oberster Stelle anzubringen. In der „Prima Fila“, also in den vordersten Reihen ganz in der Nähe des Papst-Baldachins, hatten die Besucher aus München Sitzplätze. Alle trugen weiße T-Shirts mit einem Bild der Herz-Skulptur des Münchner Künstlers Michael Pendry. Eine Miniatur davon hatten die Betroffenen vor zwei Jahren Papst Franziskus überreicht.
Für den neu gewählten Papst hatten die Mitglieder einen Brief dabei, den sie ihm am Rande der Generalaudienz auf dem Petersplatz überreichten. „Wir wurden zu ihm nach oben unter den Baldachin gebeten“, erzählt Richard Kick, der Sprecher des Betroffenenbeirats, kurz nach der Generalaudienz am Telefon. Die kurze Unterhaltung sei auf Englisch geführt worden. „Papst Leo hat uns gesagt, dass wir alle eine Gemeinschaft sind“, sagt Kick. „Er hat gesagt, dass es wichtig sei, die Aufarbeitung in der katholischen Kirche weiter voranzutreiben. Der Papst hat uns ermutigt und gesagt, er brauche uns dafür.“
In dem Brief, den die Betroffenen überreicht haben und der auch der SZ vorliegt, fordern sie „entschlossene Zeichen“ des Papstes dafür, „dass die Kirche ihre Schuld erkennt und den Weg der Umkehr ernsthaft geht“. Jede Entscheidung müsse Wohl und Würde der Opfer ins Zentrum stellen. Vertuschung dürfe niemals ohne Folgen bleiben. Wer Taten begangen oder Täter geschützt habe, müsse Rechenschaft ablegen. Dabei dürften kirchliche Verantwortungsträger nicht zugleich Richter über ihre eigenen Strukturen sein, heißt es weiter. Alle Archive und Akten über Missbrauchsfälle müssten uneingeschränkt geöffnet werden. „Nur radikale Transparenz kann Vertrauen zurückgewinnen.“
Auf ihrem Weg nach Rom hatten die Betroffenen auch Station in Bozen gemacht und sich mit dortigen Betroffenen getroffen. Für die Erzdiözese Bozen-Brixen war erst in diesem Frühjahr ein Missbrauchsgutachten vorgestellt worden, das erste überhaupt in der katholischen Kirche Italiens.

