Missbrauch in der Kirche:"Fehlverstandene Schamhaftigkeit"

Systematische Vertuschung - das ist der Vorwurf, der seit dem 3. Dezember das Erzbistum umtreibt. Er trifft die Münchner Kardinäle Döpfner, Ratzinger und Wetter, er trifft nach Westpfahls Erkenntnissen mehr noch die Generalvikare, wobei sie die "ersten beiden nach dem Krieg" ausnimmt: Ferdinand Buchwieser, den Verwaltungschef des Bistums von 1932 bis 1953; Johann Fuchs, der bis 1960 Generalvikar war. 1961 übernahm ein Mann den Posten, der bis heute einen klangvollen Namen hat im Erzbistum: Johannes Neuhäusler war während der NS-Zeit als "Sonderhäftling" in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau interniert - und ab 1947 Weihbischof im Erzbistum. Kardinal Julius Döpfner machte ihn 1961 zugleich zum Chef der Kirchenverwaltung. 1962 übernahm Matthias Defregger den Posten, bis er 1968 Weihbischof wurde.

Bis in die sechziger Jahre hinein, so lautet die Schlussfolgerung, wurden Priester streng diszipliniert, wenn sexuelle Übergriffe bekannt wurden. Die Wende kam - das ist ein kirchenpolitisch heikler Punkt - im Vorgriff auf das Zweite Vatikanische Konzil. Ausgerechnet aus der vorsichtigen und doch wieder verdrucksten Liberalisierung der katholischen Kirche entwickelte sich ein angeblich "pastoraler", milder Umgang mit den Tätern, der immer wieder verheerende Folgen hatte. Personalchefs schickten auffällig gewordene Pfarrer von einer Therapie zur anderen, versetzten sie mal aufs Land, mal in ein anderes Bistum; immer im Bewusstsein, dass man dem Bruder im Amt helfen müsse. Das Schicksal der Opfer interessierte nicht.

Wie viel wussten die Erzbischöfe?

Erst 2002, mit Inkrafttreten der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, änderte sich das - auch durch die Einführung von Missbrauchsbeauftragten in den Bistümern. In München übernahm Siegfried Kneißl, mittlerweile Personalreferent, diesen Posten. Seine Dokumentationen nimmt Westpfahl ausdrücklich von der Kritik aus: Die Taten würden hier "ungeschönt und ohne fehlverstandene Schamhaftigkeit" dargestellt.

Wie viel aber wussten die Erzbischöfe? Wie hat sich der Rest der Führungsmannschaft verhalten? Hat ein Generalvikar die Akten besonders nachlässig geführt? Die Antwort darauf fehlt. Man wolle nicht "mit dem Finger auf andere zeigen", hat Kardinal Reinhard Marx bei der Vorstellung des Berichts gesagt. So findet sich in der Zusammenfassung kein einziger Name. Trotzdem - oder gerade, weil man damit offen lässt, wer welche Schuld auf sich geladen hat - stellt der Bericht so manches Lebenswerk angesehener Ordinariats-Mitarbeiter in Frage. Bis hin zu Marx' Vorgänger, dem heute 81-jährigen Kardinal Friedrich Wetter.

Vielleicht äußern auch deshalb hochrangige Mitarbeiter Zweifel, ob wirklich alles so dramatisch ist, wie es nun erscheint. Für Generalvikar Beer, den Aufklärer, sind das die Anhänger des alten Denkens, die sich der Wahrheit verweigern; in deren Augen wiederum ist Beer eine Art unerbittlicher Großinquisitor, der nach nur einem Jahr im Amt die Verhältnisse im Erzbistum von unten nach oben verkehren will.

"Die drei Wilden" werden Marx, Beer und Bistumssprecher Bernhard Kellner schon mal genannt. Die nehmen ihrerseits für sich in Anspruch, ein neues Zeitalter im Erzbistum eingeläutet zu haben, in dem nichts mehr unter die Decke gekehrt wird und Opfer Gehör finden. Die Politik findet das gut; Bayerns Justizministerin Beate Merk ließ nach der Vorstellung des Berichts erklären, die katholische Kirche habe "einen eindeutigen Schritt gemacht".

Im Bistum allerdings ist das Leben unter den wichtigen und mächtigen Männern (und wenigen Frauen) der Verwaltung noch schwieriger geworden als zuvor. Beers Vorgänger im Amt, Robert Simon, sieht sich, so sagen Bekannte, vorgeführt und ungerecht behandelt. Über seine Sicht der Dinge sprechen will er allerdings nicht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB