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Mischung aus Blind Date und WG-Party:Live-Sound im Wohnzimmer

Die "Sofar Sounds"-Bewegung organisiert weltweit Konzerte in privaten Wohnungen. Die sollen das Musikerlebnis besonders persönlich machen - egal ob in Atlanta, Istanbul oder München.

Von Mila Hanke

Sonntag Abend, Münchner Univiertel, Hausnummer 95 einer Seitenstraße. "Ähm, wollt ihr auch zu Sofar?" Im Flur-Halbdunkel antworten wartende Gestalten mit konspirativem Grinsen. Dann öffnet sich die Pforte zur heutigen "Sofar"-Welt: Warmes Licht, lachende Gesichter, Bücherregale und Kunstrasenteppich. "Hereinspaziert und auf dem Fußboden platznehmen bitte", begrüßt Moran Marom, eine Musikliebhaberin, die diesen Abend moderiert. Die ersten Gäste ziehen mitgebrachte Sitzkissen, Weinflaschen und Pastikbecher aus der Tasche. Neugierige Erwartung erfüllt den Raum. "Wie eine Mischung aus Blind Date und WG-Party" wispert es aus einer Ecke.

"Mich störte, dass die Leute bei Auftritten von Vorbands oder noch nicht so bekannten Musikern oft quatschen und mit dem Smartphone herumspielen, statt zuzuhören", erklärt der Londoner Rafe Offer. Der heute 49-Jährige legte vor rund fünf Jahren den Grundstein für eine internationalen Konzertbewegung, die zurzeit auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Um ein respektvolleres und persönlicheres Musikerlebnis zu schaffen, lud Offer damals in ein Appartement im Londoner Stadtteil Kilburn ein. Was mit nur einem Künstler, fünf Songs und acht Gästen begann, hat mittlerweile Wohnzimmer in aller Welt erfasst - in Buenos Aires, Lissabon oder Tel Aviv, aber auch Hamburg, Essen, Berlin und München.

"Sofar" steht für "Songs from a room" und beschreibt damit ganz simpel den Grundgedanken: Jeweils drei talentierte Nachwuchsmusiker pro Abend bekommen eine kleine Bühne in privaten (Wohn-)Zimmern. Den Eintritt ersetzt ein Spendenbeutel, das Publikum wird bewusst begrenzt. Im Mittelpunkt steht die pure Konzentration auf die Musik: Handy aus, still sitzen, Mund halten, zuhören. Viele, die einen Sofar-Abend miterlebten, wollten diese musikalische Intimität auch in ihre Heimatstädte holen. Und so organisieren heute mehr als 600 Freiwillige monatliche "Sofar"-Abende in 110 Städten weltweit - immer auf der Suche nach Musikern mit noch wenig Bekanntheitsgrad, aber viel Talent.

Beim "Sofar"-Konzert spielen "Impala Ray" ihren bayerischem Folk.

(Foto: Caitlin Bellah)

Studenten, Enddreißiger, hier ein Ur-Bayer, dort ein Franzose. Das Münchner Publikum ist an diesem Abend bunt gemischt. Bis vor einer Woche wusste noch keiner der 60 Gäste, ob er heute dabei sein darf. "In Istanbul ist es fast unmöglich, einen Gästelistenplatz zu ergattern", erzählt Sitznachbarin Fulya Gezer. "Hier in München habe ich es jetzt endlich geschafft." Die 25-Jährige stammt aus der türkischen Metropole, in der die "Sofar"-Bewegung bereits mehr als 12 000 Facebook-Fans gewonnen hat. In Barcelona sind es derzeit rund 3400, in New York 2200, in Berlin 1300 - in der bayerischen Hauptstadt erst etwa 560. Auf der internationalen Homepage hatten sich Gezer und die anderen um einen Platz für dieses Konzert beworben. Erst 24 Stunden zuvor geben die Organisatoren die Adresse preis - welche Musiker gleich spielen werden, bleibt bis zuletzt ein Geheimnis.

Zwischen Regalen mit "Herr der Ringe"-Bänden, Fußballpokalen und einer kleinen Ton-Madonna geht es los: Takamahak, ein junges Bruderpaar aus München-Wolfratshausen, startet mit Indie-Rock. Nach jeweils kurzer Pause folgen Blues und Rock'n'Roll von The Black Submarines sowie die baeyrische Folk-Combo Impala Ray - inklusive Hackbrett und Tuba. Der Funke springt über, bei allen drei Bands. "In Berlin ist die Auswahl groß, doch in München sind passende Privaträume rar", sagt die Leiterin von Sofar Sounds Munich, die lieber anonym bleiben will, "weil es hier um die Musik geht und nicht um mich." Ein Sänger mit Gitarre passt in fast jedes Zimmer, aber ein Abend mit größeren Bands braucht mehr Platz und wird zwangsläufig etwas lauter. Immer müssen die Vermieter zustimmen. "Deshalb freuen wir uns über jeden, der uns einen gemütlichen Raum zur Verfügung stellen möchte."

Auch sonst bietet "Sofar" viel Potenzial für kreatives Engagement. Alle Bands treten ohne Gage auf, bekommen dafür jedoch Werbeunterstützung: Ehrenamtliche Fotografen und Filmemacher dokumentieren die Abende, Bilder und Videos werden über Facebook und Youtube verbreitet und so zum reichweitenstarken Demo-Auftritt. Plattenlabels nutzen diese Quellen, um Newcomer aufzustöbern. Künstler wie etwa der irische Folk-Rocker Hozier, der derzeit mit dem Song "Take Me To Church" die Radiosender rauf und runter läuft, hatte zwar bereits einen Vertrag - aber erst "Sofar" verschaffte ihm den internationalen Bekanntheitsschub. "Ich hoffe, dass wir unsere Idee mit noch mehr Konzerten in noch mehr Städten weiter verbreiten können", resümiert "Sofar"-Begründer Offer.

Rund 60 Leute haben sich in privaten Räumen in der Maxvorstadt zum Konzert eingefunden.

(Foto: Albert Marti Bueno)

Doch mit der Bewegung wächst auch die Herausforderung, authentisch zu bleiben. Bisher ist "Sofar" nicht darauf ausgerichtet, Gewinn zu machen. Mittlerweile wären allerdings Sponsoren hilfreich, um die Kosten zu decken. "Interessenten gibt es genug", so Offer. "Aber viele passen nicht zu unserem Spirit."

Am Ende des Abends hat dieser auch die junge Türkin Gezer überzeugt: "Das war das Gegenteil zum schnellen Konsum auf Download-Portalen: Musik-Wahrnehmen mit allen Sinnen." Wie "Airbnb" oder "Couchsurfing" die Menschen aus anonymen Hotelzimmern retten möchte, will die Sofar-Community sie aus düsteren Konzerthallen und Proberäumen endlich "nach Hause" holen - um Musikfans und Künstler wirklich miteinander zu verbinden.

Über www.sofarsounds.com oder die Facebook-Seite der jeweiligen Stadt können sich Interessierte um Gästelistenplätze bewerben, Räume anbieten, bei der Organisation helfen oder ein neues Sofar-Team in ihrem Wohnort gründen.

© SZ vom 14.03.2015
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