Constantin, 14 Jahre alt, zieht einen dunkelgrauen Aktenordner aus dem Regal. „Unsere Auftragsmappe quillt ja über“, sagt er und setzt sich an den großen Tisch in der Mitte des Raums, auf dem schon ein paar Boxen mit Kugelschreibern und bunten Notizzetteln bereit liegen. An diesem Sonntagnachmittag im Januar wird Raum 0.111 im Fat Cat Kulturzentrum erneut zum Stadtplanungsbüro von Mini-München, der Spielstadt, die Münchnerinnen und Münchner schon seit 1979 begeistert. In Mini-München schlüpfen bis zu 2500 Kinder pro Tag in Rollen, die normalerweise Erwachsenen vorbehalten sind: Sie gehen arbeiten, studieren, können eigene Gewerbe gründen oder als Bürgermeisterin oder Bürgermeister kandidieren. Alle zwei Jahre entsteht für drei Wochen ein in sich geschlossenes Stadtsystem, dessen Dynamik von außen nur schwer wirklich nachzufühlen ist.
Zumindest einen kleinen Einblick bietet die Planungswerkstatt, in der das nächste Mini-München vorbereitet wird – natürlich auch von Kindern. Die jungen Stadtplanerinnen und -planer haben noch einiges zu tun, bevor sich das Showpalast-Gelände in Fröttmaning im August ein weiteres Mal zur Kinderstadt verwandelt. Doch diesmal warten noch ganz andere Schwierigkeiten auf sie als in vorherigen Jahren.

Auf Post-it-Zettel schreiben die Kinder ihre Ideen für Mini-München 2026 auf. Tim, elf Jahre, wünscht sich einen Geldautomaten, um „Mimüs“, die Währung der Spielstadt, abzuheben, „weil es an den Bankschaltern immer so voll ist“. Constantin schlägt vor, Briefkästen auf dem Gelände zu stationieren, in den alle Mini-Münchnerinnen und -Münchner ihre Verbesserungsvorschläge einwerfen können. Auch Richard, 13 Jahre alt, hat sich überlegt, wie man Feedback einholen könnte: „Über die Mini-München-App könnte man jeden Abend eine Umfrage über den Tag machen.“
Wer diese Innovationslust beobachtet, könnte meinen, hier laufe alles nach Plan. Dass das nicht ganz stimmt, blitzt dann aber doch hin und wieder auf – zum Beispiel, als es darum geht, welche Betriebe man zusammenlegen oder einsparen könnte. Oder als Richard auf einem Lageplan des Showpalast-Geländes eine mögliche Route für die Trambahn einzeichnen will. „Alles, was rot ist, haben wir nicht mehr“, sagt Zoë Schmederer vom Trägerverein Kultur und Spielraum, die zusammen mit Sarah Schrenk die Planungswerkstatt anleitet. Einige Bereiche auf der Karte sind rötlich eingefärbt. In den Vorjahren waren dort unter anderem das Kino und das Stadtbad zu finden. Dieses Jahr müssen diese Betriebe mindestens umgeplant, vielleicht sogar gestrichen werden.
Denn Mini-München fehlt Geld - obwohl es im vorherigen Jahr mehrere Schlagzeilen gab, die Mini-München als „gerettet“ bezeichneten. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Bislang trug das Stadtjugendamt die gesamten Infrastrukturkosten für die Spielstadt, genehmigt durch den Stadtrat. Da der Haushaltsplan für das Stadtjugendamt jährlich neu beschlossen wird, könne Mini-München im jährlichen Rhythmus nicht als fester Posten berücksichtigt werden, heißt es aus dem Sozialreferat. Aufgrund der schwierigen Haushaltslage war bis Ende vergangenen Jahres noch unklar, ob es überhaupt Geld für 2026 geben wird. Erst im November kam dann doch noch der Beschluss: Mini-München wird mit 500 000 Euro finanziert. Genug, damit es stattfinden kann. Die Stadt zahlt damit diesmal aber nur knapp mehr als die Hälfte dessen, was 2024 für die Infrastruktur benötigt wurde.
Von diesem Geld muss die Raummiete bezahlt werden, aber auch alle Maßnahmen, um den Veranstaltungsort „Mini-München-tauglich“ zu machen. Die Reithalle auf dem Showpalast-Gelände, ursprünglich für Pferdeshows entwickelt, muss beispielsweise eigens mit einem anderen Boden ausgestattet werden.
Dass die Spielstadt trotzdem wieder dort errichtet wird, ist das Ergebnis „pragmatischer“ Entscheidungen, so Margit Maschek-Grüneisl, pädagogische Mitarbeiterin bei Kultur und Spielraum. Seit Mini-München nach 2012 aus der mittlerweile abgerissenen Event-Arena im Olympiapark ausziehen musste, ist die Spielstadt „heimatlos“ und muss jedes Mal aufs Neue einen geeigneten Ort finden. Auch wenn für dieses Jahr mehrere potenzielle Spielstätten im Raum standen, sei zum Zeitpunkt, als die städtische Förderung beschlossen war, nur noch der Showpalast zeitlich machbar gewesen. „Dort kann auf Planungsverfahren aus den vorherigen zwei Projektjahren zurückgegriffen werden“, sagt Maschek-Grüneisl.

Konkret bedeuten die fehlenden 470 000 Euro für Mini-München 2026: eine kleinere Spielfläche, um Mietkosten zu sparen, weniger Kinder pro Tag, weniger Spiel-Betriebe und vermutlich auch ein Anheben des Mindestalters, das sonst immer sieben Jahre betrug. Zumindest, wenn nicht noch von anderswo weitere Summen aufgetrieben werden können.
Dieses Ziel hat unter anderem der Förderverein Mini-München. Der Verein gründete sich November vergangenen Jahres, als deutlich wurde, dass Mini-München auf der Kippe steht. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist für Leonie Jung-Irrgang, Vorstandsmitglied im Förderverein, schwer verständlich: „Mini-München ist schließlich ein Export-Schlager.“ Tatsächlich hat das Münchner Projekt mittlerweile mehr als 300 Spielstädte weltweit inspiriert, mehrere Preise gewonnen und Generationen von Münchnerinnen und Münchnern geprägt.

So auch Felix Bourier, ebenfalls im Förderverein, ehemaliges Mini-München-Kind und seit 2006 fast jedes Jahr Betreuer. Als Kind war er insbesondere von der Forschungsstadt mit ihrem Labor fasziniert. Das begleitet ihn bis heute: Felix Bourier hat Chemie studiert und ist heute Wissenschaftler. Er kenne einige, bei denen es ähnlich gelaufen sei: „Das, was sie in dieser Spielstadt erlebt und geliebt haben, hat viele beruflich beeinflusst.“
Was Mini-München so besonders macht, lasse sich nur schwer in Worte fassen, meint Bourier. Leonie Jung-Irrgang versucht es so: „Meine stärkste Erinnerung ist das Gefühl, dass dort so viel auf einmal möglich war. Dass einem als Kind etwas zugetraut wird, und man ernst genommen wird.“ Diese Art von Interaktion mit Kindern sei vor allem heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. „In Mini-München sieht man, was passiert, wenn man Kindern diesen Freiraum gibt. Man muss nicht auf sie einreden, irgendwas zu machen: Sie sind von selbst motiviert, weil sie ihren eigenen Interessen folgen können“, meint Jung-Irrgang.
Um so vielen Kindern wie möglich in Zukunft die Mini-München-Erfahrung zu ermöglichen, ist der Förderverein nun auf der Suche nach Spenden und Mitgliedern. „Mit jedem bisschen Geld kann man vielleicht noch einen Mini-Arbeitsplatz mehr finanzieren“, sagt Jung-Irrgang.
Der Trägerverein Kultur und Spielraum versucht seinerseits zusätzliche Finanzierung durch Sponsoren zu gewinnen. Auch das Sozialreferat möchte Förderungen von Dritten akquirieren. Dass noch weitere städtische Gelder bereitgestellt werden, ist unwahrscheinlich. Margit Maschek-Grüneisl möchte der Politik allerdings keinen Vorwurf machen: „Alle haben nach Möglichkeiten gesucht, Mini-München im Haushaltsplan unterzubringen.“
Ein dauerhafter Spielort würde Mini-München kalkulierbarer machen
Trotz aller Hürden wird Mini-München dieses Jahr seine Stadttore öffnen. Und danach? Maschek-Grüneisl sieht einerseits ein „großes Commitment“ in Politik und Verwaltung, Mini-München auch 2028 weiter stattfinden zu lassen. Andererseits wisse man noch nicht, wie die Haushaltslage in den kommenden Jahren aussehen wird. „Wir stehen auch vor der grundsätzlichen Frage, wie so ein Projekt, das sich außerhalb der kommerzialisierbaren Logik bewegt, in Zukunft zu halten ist und ob eine Zivilgesellschaft in München stark genug ist, das mitzutragen“, sagt Maschek-Grüneisl. Der Förderverein fordert indes, dass langfristig hauptsächlich die Stadt das Projekt tragen muss: „Alle finden es toll, aber wer übernimmt wirklich die Verantwortung dafür?“, fragt Leonie Jung-Irrgang.
Entscheidend wird dabei wohl auch, ob und wie die Standort-Problematik gelöst wird: Ein dauerhafter Spielort würde Mini-München kalkulierbarer machen. Ob der Showpalast 2028 weiterhin als Option vorhanden sein wird, ist noch unklar. Das Stadtjugendamt und andere städtische Referate unterstützen den Trägerverein bei der Standortsuche, bislang ohne finales Ergebnis.
Spekulationen über die Zukunft hin oder her: „Wir versuchen aus der aktuellen Situation einen Gestaltungsauftrag zu machen“, sagt Margit Maschek-Grüneisl. Gerade die Kinder hätten eine „unverdrossene Planungslust“ und zu allem gleich zehn neue Ideen.
Im Planungsbüro zählen Marie und Tim, beide elf Jahre alt, sorgfältig übrig gebliebene Spielgeldscheine. Einen Pappkarton, fest mit Klebeband umwickelt, funktionieren sie in einen „Tresor“ um und verstecken ihn im Raum, damit bloß niemand das Geld klauen kann. Denn auch die Kinder haben sich etwas überlegt, um ihre Stadt zu unterstützen: ein symbolisches Tauschgeschäft. Sie sammeln Alt-Mimüs und Spielgeld-Spenden anderer Spielstädte und wollen dafür von Sponsorinnen und Sponsoren eine Gegenleistung bekommen. Die „große“ Stadt München will den Kindern dabei helfen, sie mit Unternehmen und anderen Kontakten zu vernetzen.
Als nächster Schritt steht dafür im April ein Termin mit der Stadtbaurätin Elisabeth Merk an. Mit was genau die jungen Stadtplanerinnen und -planer davon zurückkommen werden, ist noch nicht klar. „Wir wissen nicht, ob unsere Idee wirklich klappt“, sagt Tim. Ein Versuch ist es ihnen wert.

