Minderjährige Flüchtlinge in München:"Als ob wir Tiere wären"

Auf seiner Flucht nach München wurde er verprügelt und eingesperrt. Gerade 16 Jahre war der Afghane Ahmad A. damals alt. Heute hat er ein neues Leben in Deutschland, doch seine Vergangenheit beschäftigt ihn noch immer.

Kristina Milz

Es ist stockdunkel. Ahmad A. kann seine eigene Hand vor dem Gesicht nicht erkennen. Doch er hat keine Zeit, darüber nachzudenken, wohin er tritt. Zusammen mit seinem älteren Bruder, Hand in Hand, hastet er über einen schmalen Pfad an der iranisch-türkischen Grenze, so schmal, dass eigentlich nur eine Person darauf Platz findet. Neben ihnen eine tiefe Schlucht. Einige Flüchtlinge sind bereits hinabgestürzt. Ahmad hört die Schreie, wenn sie in die Tiefe fallen.

unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Geschirrspüler einräumen, kochen, waschen, einkaufen: Von den Jugendlichen, die wie Ahmad A. im Wohnprojekt "Life" der Salesianer Don Boscos leben, wird eine gewisse Selbstständigkeit gefordert.

(Foto: Kristina Milz)

Dann fallen Schüsse. Ahmad glaubt, dass sie aus der iranischen Richtung kommen, aber genau kann er es nicht sagen. Hinter ihm wird ein Flüchtling von einer Kugel getroffen. Er bricht zusammen. "Ich konnte mich nicht einmal nach ihm umschauen. Ich bin mir sicher, dass er tot ist", sagt Ahmad. ",Scheiße', habe ich mir gedacht. Immer wieder ,Scheiße'. Ich hab doch in Afghanistan schon genug gesehen."

Zwei Jahre und sieben Monate sind seit Ahmads Flucht nach Deutschland vergangen. Ahmad sitzt in einem Gruppenraum im "Sales". So nennt der 18-Jährige das Wohnheim der Salesianer Don Boscos in München, eine katholische Ordensgemeinschaft, die sich um Kinder- und Jugendliche kümmert. Für elf jugendliche Flüchtlinge wurde hier eine betreute Wohngemeinschaft eingerichtet. Sie stammen aus Afghanistan, Irak oder Somalia. "Life" heißt das Projekt, das ihnen einen Neustart in Deutschland ermöglichen soll.

Zwei Sozialpädagogen und zwei Erzieherinnen kümmern sich Vollzeit um die Jungen, die hier ihren Alltag bewältigen sollen: selbst kochen, waschen, einkaufen, Hausaufgaben erledigen, Bewerbungen schreiben; Ahmad und die anderen Flüchtlinge müssen das erst lernen. Doch für die Jugendlichen ist es nicht leicht, dabei die Erlebnisse in ihrer Heimat und die traumatisierende Flucht hinter sich zu lassen.

Die iranisch-türkische Grenze war nur eine Station von vielen auf Ahmads Flucht. Von Kandahar ging es in den Iran, zu Fuß über die Grenze in die Türkei und weiter in einem kleinen Boot auf die erste erreichbare griechische Insel und von dort nach Athen. Alles illegal, "schwarz", sagt Ahmad. Schließlich kamen Ahmad und sein Bruder an die Flugtickets nach München mit falschen Namen. Am Franz-Josef-Strauß-Flughafen traf er erstmals mit den deutschen Behörden zusammen - und flog auf.

Einzelverhör am Münchner Flughafen

Am Flughafen sagte ihm ein Polizist im Einzelverhör, er müsse nun in seine Heimat zurückkehren, ein Flugzeug nach Afghanistan warte bereits auf ihn. "Zurück", dachte Ahmad, "zurück in den Krieg". Der Bruder befinde sich bereits auf dem "Nachhauseweg", behauptet der Beamte. Sein einziger Halt in den Wochen der Angst, sein Bruder, der den ganzen weiten Weg bei ihm war. Es war der 17. Februar 2009. Das Datum wird Ahmad nie vergessen, es kommt sehr schnell über seine zusammengepressten Lippen. Sein erster Tag in Deutschland.

"Ich hatte große Angst. Und ich gebe ganz ehrlich zu: Ich habe geweint." Er sagt es so, als ob es nicht selbstverständlich wäre. Ahmad hat auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland mit einer Plastikflasche das Wasser aus einem sechs Meter langen sinkenden Boot mit fünfzig Insassen geschaufelt, weil keiner von ihnen schwimmen konnte. Doch vor allem die Ereignisse in Griechenland lassen den 18-Jährigen nicht los, der Hafen von Patras ist allgegenwärtig.

"Irgendwann hat sich ein Polizist bei den anderen beschwert, dass ihm sein Arm vom vielen Schlagen wehtut", erzählt der junge Mann mit den seidigen Wimpern und dem kleinen Muttermal dicht unter dem rechten Auge. "Als ob wir Tiere wären", sagt er. So hätten ihn die griechischen Polizisten behandelt, ihn und seinen Bruder. Die beiden wurden in ihrem Versteck in einem LKW nahe des Hafens entdeckt.

"Das Blut ist ihm aus dem Ohr gelaufen"

Stunden hatten sie nachts in der schier unerträglichen Hitze und Dunkelheit des Lastwagens mit vielen anderen Flüchtlingen ausgeharrt, immer in der Hoffnung, er würde mit dem nächsten Schiff Richtung Italien fahren. Doch dann, als die ersehnte Fahrt losgehen sollte, kamen die Polizisten. Auf den Unglücklichen, der als erster freiwillig aus seinem Versteck hervorkam, haben sie mit Schlagstöcken eingeschlagen. "Wir hatten Glück, weil wir in der Mitte waren", sagt er. Er und sein Bruder haben nur wenige Schläge abbekommen. Den letzten Flüchtling, der aus dem LKW kroch, hätten sie fast totgeschlagen hätten: "Das Blut ist ihm aus dem Ohr gelaufen."

15 Tage wurden die Brüder dann in einem griechischen Gefängnis eingesperrt, zusammen mit 200 Häftlingen. Keine Dusche, kein Klopapier, jeden Tag nur einmal essen und trinken, sagt Ahmad. Das Kloakenwasser aus der verstopften Gemeinschaftstoilette lief in den Raum, in dem er eigentlich schlafen sollte. Erst dann ging es weiter nach München.

Die Verwandten in Kandahar hatten all ihr Geld zusammengekratzt, um Ahmad und seinen Bruder wegzubringen. Weg von der Gefahr, vom Krieg. Nach den Wochen, Monaten der Unsicherheit hatten sie es geschafft: Europäische Union. München, eine der sichersten Städte der Welt. Und dann diese Drohung des Polizisten. Für Ahmad zu viel. Doch die Drohung ist nur ein Bluff - die Polizisten glauben Ahmad zunächst nicht, dass er aus Afghanistan kommt. Ein Dolmetscher kann ihn schließlich retten - und er darf bleiben.

Ahmad hat mittlerweile ein neues Leben in München. Vor drei Wochen hat er eine Ausbildung begonnen. Es gibt eine Gegenwart und eine Zukunft für ihn. Dennoch spricht er mehr über die Zeit davor, es ist, als ob er in der Vergangenheit leben würde. Die Worte sprudeln aus ihm heraus, eine Stunde, schließlich zwei. Wenn Ahmad von seinen Erlebnissen auf der Flucht erzählt, spricht er im Präsens. Doch er hat viel gelernt in den vergangenen zwei Jahren. Er kann nahezu alles in deutsche Worte fassen, was er sagen möchte - kurze Nachdenkpausen und sein starker Akzent können über das Talent des jungen Mannes nicht hinwegtäuschen.

In München leben nach Angaben der Regierung von Oberbayern derzeit 168 "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" (umF) im Alter von 16 bis 17 Jahren, nur 27 von ihnen sind in Gemeinschaftsunterkünften der Stadt München untergebracht. Andere haben einen Platz in einer Jugendhilfeeinrichtung von freien Trägern gefunden - so wie Ahmad bei den Salesianern Don Boscos. Diese Jugendlichen werden in der Statistik allerdings nicht berücksichtigt. Ahmads Betreuer Ingo Greß schätzt die wahre Anzahl der "umF" auf um die 500. Und lange nicht für alle ist Platz in einer Münchner Jugendhilfeeinrichtung.

"Man hat nichts zu tun und auch keinen Sinn"

58 minderjährige Flüchtlinge warten derzeit nach Angaben des städtischen Sozialreferats auf einen Platz in einer dieser Einrichtungen, obwohl ihr Bedarf an Jugendhilfe längst festgestellt wurde. Hinzu kommen mindestens noch einmal so viele, die darauf hoffen, überhaupt als "bedürftig" eingestuft zu werden. Sie wollen eine Chance bekommen, einen Neustart wagen. Zu diesem gehört immer auch die Aufarbeitung des Erlebten. Jeder der Flüchtlinge hat seine Geschichte. Nur wenige können die auch erzählen. Die anderen leben in der Warteschleife.

Die soll planmäßig nicht länger als drei Monate dauern, "es kann sich aber auch über ein Jahr hinziehen", sagt Sozialpädagoge Ingo Greß, Ahmads Betreuer im Projekt "Life". Bei Ahmad hat es sechs oder sieben Monate gedauert, bis er zugeteilt wurde, er kann sich nicht mehr genau erinnern. "Ich habe eine Krankheit bekommen in der Erstaufnahmeeinrichtung. Ich konnte nicht schlafen, nichts machen. Man hat nichts zu tun und auch keinen Sinn", erinnert sich Ahmad.

Heute geht es dem 18-Jährigen besser, doch lange nicht jeder Tag ist ein guter Tag. Ahmad sitzt schüchtern auf seinem Stuhl, rutscht beim Erzählen hin und her. Heute hat er einen freien Tag, den ersten freien Tag, seit er seine Ausbildung zum Floristen begonnen hat. "Die Arbeit macht mir Spaß", sagt er. Natürlich hat er Probleme in der Ausbildung. Die Sprache, es ist eine Krux, immer wieder wird sie ihm zum Verhängnis. Oft versteht er nicht, was seine Chefin ihm eigentlich sagen will. Und meistens fragt er nicht nach, es ist ihm peinlich.

"Ich will mit Kindern arbeiten"

Selbstbewusst ist Ahmad nur in Dingen, in denen er sich zu hundert Prozent sicher ist. "Ich will mit Kindern arbeiten, weil ich weiß, wie es ist, Kind zu sein", sagt er. Der Satz klingt für ihn nicht banal. "Ich weiß, was Kinder brauchen und ich kann gut mit den Kleinen." Ein Lächeln. Das erste in diesem Gespräch. Ahmads Traumberuf ist Kinderpfleger, er will sich vor allem um ausländische Kinder kümmern, um solche, die ähnliche Probleme haben, wie er sie hatte, als er nach Deutschland gekommen ist und seine Heimat und vor allem seine Jugend hinter sich gelassen hat. "Ich bin um dreißig Jahre gealtert auf meiner Flucht", sagt der 18-Jährige.

Bisher hat es mit Ahmads Ausbildung zum Kinderpfleger nicht geklappt. Er hat viele Bewerbungen geschrieben. Aber nur Absagen bekommen, wenn überhaupt eine Antwort kam. Als häufigste Begründung wurden seine ungenügenden Deutschkenntnisse angeführt. Aufgeben kommt für ihn aber nicht in Frage. Nachdem er seine Ausbildung zum Floristen beendet hat, will er es erneut versuchen. Bis dahin pflegt er Blumen.

Er weiß, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat. Trotzdem fühlt er sich zuhause in München. Nicht von Anfang an, aber jetzt, seit er in der Schule war und Deutsch gelernt hat, sagt er. "Aber vor allem, weil hier kein Krieg ist."

© sueddeutsche.de/afis/gök
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