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Milbertshofen:Neue Heimat auf dem Bolzplatz

Bei einer Führung der Volkshochschule durch das Bauprojekt "Wohnen für alle" zwischen Schmalkaldener Straße und Frankfurter Ring muss sich die städtische GWG einigen kritischen Fragen über die Gestaltung stellen

Es ist ein grauer Januarnachmittag in Milbertshofen. Doch auf dem Bolzplatz zwischen der Schmalkaldener Straße und dem Frankfurter Ring übt ein Vater mit seinem Sohn unermüdlich Tore schießen. Eine winterbraune Wiese von etwa 40 auf 20 Metern steht ihnen dafür noch zur Verfügung. Es ist ein Bruchteil des einstigen riesigen Bolzplatzes. Der Vater bedauert das, "es wird eng im Sommer", meint er. Die Wiese war im Sommer ein beliebter Treffpunkt zum Fußballspielen. Jetzt steht ein Neubau des städtischen Wohnbauprogramms "Wohnen für alle" mit 55 Wohneinheiten auf dem Gelände. Es ist ein besonderer Bau: Bei dem sogenannten Minimalprojekt wurden 20 Prozent Baukosten eingespart.

Das Interesse am Neubau, den die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG errichtet hat, ist groß. Rund 20 Teilnehmer sind der Einladung der Münchner Volkshochschule gefolgt, sich vom Projektleiter der GWG durch den Neubau führen zu lassen. Sie sind skeptisch, voller Fragen und wollen genau sehen, was das für ein Bau ist, der ihnen die grüne Wiese nimmt, und in den zur Hälfte anerkannte Flüchtlinge einziehen sollen und zur anderen Hälfte einkommensschwache Bürger. Projektleiter William Ringsdorf bleibt freundlich gelassen und beantwortet geduldig kritische Fragen. Die zu den neuen Bewohnern ("Gibt es eine soziale Betreuung?"), zur Fassadenfarbe ("Warum so grau und trostlos?") und zur blockartigen Gestalt ("Sieht ja aus wie ein Gefängnis!").

Die Architektur bleibt Geschmackssache, das wird an diesem Nachmittag deutlich. Unbestritten ist, dass sich die Bauweise bisher bewährt. Modell für das Minimalprojekt ist ein Neubau in Sendling-Westpark. Dort zeigten die Planer, dass es möglich ist, günstig und trotzdem ansprechend zu bauen. Es wurde das Modellprojekt für das geförderte Wohnungsbauprogramm "Wohnen für alle", in dessen Auftrag die GWG innerhalb von zwei Jahren 1500 Wohnungen schaffen soll, so Ringsdorf.

Es folgte also ein Bau nach demselben Sparprinzip an der Bodensee-/Ecke Mainaustraße mit 80 Wohnungen, die im vergangenen Dezember fertiggestellt wurden, weitere 80 folgen im Frühjahr. Auch am Georg-Brauchle-Ring sind im Dezember 40 Wohnungen fertig geworden. Am 1. Februar ziehen nun die Bewohner am Frankfurter Ring ein. Einen "passenden Mix" der Bewohner habe das Amt für Wohnen und Migration zusammengestellt, sagt Ringsdorf.

"Schnell und günstig lautet der Auftrag", nach seinen Worten. Im Oktober 2016 erfolgte der Aushub am Frankfurter Ring, knapp eineinhalb Jahre später sind die Wohnungen bezugsfertig. Geplant waren eigentlich 80 Wohneinheiten. Zugunsten des Bolzplatzes verzichtete die GWG auf 25 Wohnungen. "Wir haben die Richtlinien infrage gestellt und uns erlaubt, innovativ zu denken und zu planen", erklärt Ringsdorf das Sparkonzept. In der Umsetzung sieht das so aus: In den Wänden sind keine Elektroleitungen verlegt. Stattdessen verläuft unterhalb der Decke in jedem Zimmer eine Medienleiste mit Kabeln und Mehrfachsteckern. Dort können die Bewohner sich den Strom über Verlängerungskabel holen. Auch wenn die Teilnehmer der Führung das nicht sehr praktikabel fanden ("Da hängen dann ja überall Kabel herum!"), hat es der Bauherrin Zeit und Kosten gespart. Da immer identisch große Wohnungen in den Stockwerken übereinanderliegen, konnten die Heizungsstränge jeweils per Mustervorlage montiert werden. "Wir haben in einer Woche 40 Heizstränge verlegt", erläutert Ringsdorf. "Der Wiederholungsfaktor spart Geld." Im Bad kamen vorgefertigte Sanitärmodule zum Einsatz, die in allen 55 Einheiten gleich sind. Das Dach wurde ausgebaut, die Wohnungen im obersten Stock haben schräge Wände. So musste das Dach nicht begehbar sein und Sicherheitsvorkehrungen fielen weg. Auch das sparte Geld.

Die Wohnungen sind zwischen 43 und 95 Quadratmeter groß, unmöbliert und ohne Küche, so sieht es der Standard für geförderten Wohnraum vor. Eine Wohnung wurde zum Gemeinschaftsraum umgewidmet, dort können sich die Bewohner treffen, auch die soziale Betreuung wird dort ihre Beratungsräume beziehen. Sie soll Anlaufstelle für alle Bewohner sein. Mit der sozialen Betreuung stehe und falle das Projekt, sagt Ringsdorf. Denn die schönsten Wohnungen bringen nichts, wenn das Miteinander nicht gelingt.